L'occasione fa il ladro. Gioacchino Rossini.

Komischer musikalischer Einakter.                  

Hans Christoph Bünger, Nigel Lowery. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 17. April 2016.

 

 

Vor fünfzig Jahren, als es an den Stadttheatern noch Hausregisseure gab und Oberspielleiter für Oper und Operette, konnte man bei den Aufführungen von Edgar Kelling lernen, was das herkömmliche Regiehandwerk ausmacht. Wäre damals das Studium schon nach Bologna-Kriterien organisiert gewesen, hätten die Credit Points für mehr gereicht als den Bachelor und den Master, denn Kelling inszenierte drei, vier Mal pro Spielzeit und kam so 1986 an seinem 60. Geburtstag zu seiner 75. Inszenierung am Stadttheater Bern. – Es war die Zeit, wo der junge, freche Kritiker der NZZ, Peter Hagmann, in einem Radiogespräch definierte: "Das Stadttheater Bern ist der Schlafsaal der Schweiz". Aber das Haus war Abend für Abend voll. Und Edgar Kelling führte vor, wie man das macht.

 

Man setzt ein anspruchsloses Stück auf den Spielplan. Wenn es "heiteres Lustspiel" heisst oder "komischer Einakter", dann kommen die Leute mit dem unerschütterlichen Vorsatz, das Gebotene lustig zu finden und sich auch nicht durch Langeweile und/oder Belanglosigkeit beirren zu lassen. Bühnenbild und Kostüme machen mehr als die halbe Miete, vor allem, wenn sie Klischees abrufen, vom Schwarzwald übers Maxim bis zum Golf von Neapel etwa. Auf diese Orte reagiert das Publikum mit befriedigtem Ah. Das Entzücken lässt sich zusätzlich steigern durch Zurschaustellung von Luxus und üppigem Reichtum. Da bleibt dem protestantischen Bern die Spucke weg, und in die Augen kommt ein verdächtiger Glanz.

 

Ist das Dekor gesetzt, werden die Sänger eingekleidet. Dabei bestätigt sich die alte Regel, dass ein gutes Kostüm über manches darstellerische Unvermögen hinwegträgt. Italienische Tracht wirkt dabei so gut wie deutsche, wenn nicht stärker, dank der uralten Sehnsucht des nebligen Nordens nach dem sonnigen Süden: "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?" Wichtig ist lediglich, dass sich der Spielleiter klar bekennt: Entweder Lederhose oder Priestersoutane. Entweder Dirndl oder Nonnentracht. Entweder Gamsbart oder Sonnenbrille.

 

Nun braucht der Regisseur den Sängern bloss noch ein Requisit in die Hand zu geben – eine Pistole, ein Glas, eine Gabel, eine Spumanto-Flasche -, und schon "steht" die Figur. Die meisten Zuschauer verlangen nicht mehr. Man kann nach zweiwöchiger Probenzeit schon den Vorhang aufziehen. So macht man das. Simpel, effizient, billig. Oder auf Eglisch: "Keep it simple and stupid" (Kiss).

 

In Bern nun hat sich Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Nigel Lowery im Rossini-Einakter "L'occasione fa il ladro" uneingeschränkt zum Klischee bekannt (die Werbung nennt das "britischen Humor") und sich damit an die Regeln gehalten, die Edgar Kelling durch ein ganzes Berufsleben hindurchgetragen haben. Und wozu mehr? Für einen Erfolg im Stadttheater ist es ausreichend, das Geschehen zu arrangieren. Auf- und abtretende Statisterie lenkt wirksam von inszenatorischer Mediokrität und darstellerischer Leere ab. Und das Wichtigste ist: Die Aufführung kommt ohne Buhs durch bis zur letzten Verbeugung.

 

Seit aber Grosspapa das Stadttheater besuchte, hat sich draussen in der Welt einiges getan. Junge Kerle behaupteten, Arrangieren genüge nicht. Vielmehr müsse man inszenieren; und dafür erfanden sie das Regietheater. Bei ihnen brauchte eine szenische Aktion plötzlich Gründe. Sie begenügten sich nicht mehr damit, Sänger und Schauspieler etwas machen zu lassen, das sich dadurch rechtfertigte, dass es (nett) wirkte oder dass man es schon immer so gemacht hatte oder dass das Publikum nichts anderes erwartete. Jetzt brauchte alles Dargestellte sein Warum und Wozu, und das Ganze musste zusammenhalten. Mit einem Wort: Das Regietheater verlangte mehr als Handwerk, es verlangte Grips.

 

Bei diesem Ansatz zeigt sich die Meisterschaft in der Intensität der Geste und in der Vieldeutigkeit der Zeichen. Wucht, Intelligenz und Differenzierung verbanden so unterschiedliche Künstler wie Ruth Berghaus und Jean-Pierre Ponnelle, Robert Carsen und Achim Freyer, Hans Neuenfels und Peter Stein. Nigel Lowery gehört nicht dazu. Er vermag eine Darstellung weder zu füllen noch zu führen. Er entwickelt nicht die Handlung, sondern tut auf der Bühne bloss das eine oder andere hinzu. Addition statt Inspiration. Die Regie­sprache des kleinen Einmaleins.

 

Dass es anders auch ginge, zeigt in den Vidmarhallen Evgenia Grekova. Sobald jemand mit Gesang begabt ist, braucht es den faulen Zauber nicht mehr. Die musikalisch sensiblen Zuschauer hängen an ihren Lippen. Sie sind gebannt vom Wohlklang der Stimme und der Schönheit der Gestaltung. Sie vergessen das Drum und Dran und empfinden es bloss noch als Störung. Andries Cloete mit seinem sicher geführten, aber sehr leichten, fast zerbrechlichen Tenor kann man gelten lassen, auch Kai Wegner. Im übrigen erhob das Berner Symphonie­orchester unter Hans Christoph Bünger gegen die unbedeutende Inszenierung keine nennenswerten musikalischen Einwände.

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