Die Schutzbefohlenen. Elfriede Jelinek.

Schauspiel.                  

Claudia Meyer. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 25. März 2016.

 

 

Das Handlungsgerüst von Elfriede Jelineks "Schutzbefohlenen" ist schnell umrissen: Flüchtlinge kommen auf gefahrvollem Weg übers Meer, weil sie zuhause nicht mehr leben können. Ihre Angehörigen wurden entführt, enthauptet, ermordet. Als sie indes das rettende Ufer erreichen, werden sie zusammen­gepfercht, isoliert, abgewiesen. Das Handlungsgerüst spiegelt den Zustand der Welt. Der Rest ist Sprache: Ansprache, Anklage, Lamento. Dabei reicht der Stil vom Pathos der antiken Tragödie zu den Worthülsen der heutigen Politikerrede, vom Stammtischgelaber der Flüchtlingsgegner zu den ironisch-dekuvrierenden Kalauern der Jelinek.

 

Aufgebaut ist das Textgerüst auf dem Gegensatzpaar "wir-ihr": Wir die Fremden, ihr die Einheimischen. Wir die Verfolgten, ihr die Verschlossenen. Wir die Schutzflehenden, ihr die Abweisenden. Wir die Traumatisierten, ihr die Herzlosen. Wir – das sind die Leute auf der Bühne (der Weltgeschichte), ihr – das sind die Leute im Zuschauerraum (der Weltgeschichte). Wir - das sind die Guten, ihr – das sind die Schlechten.

 

Die Darstellung dieses Gegensatzes, der sich in den "Schutzbefohlenen" (wie in der Wirklichkeit) nicht auflöst, sondern durch seine Wiederholung akzentuiert, nennen die Theaterleute nicht "Stück", sondern "Textfläche". Auf ihr kann sich die Regie ausbreiten, und in Bern gar austoben. Claudia Meyer braucht in ihrer Inszenierung alle Ingredienzien des Regietheaters mit Ausnahme des Wasserbeckens (es wird schon nebenan in Vidmar 1 bei "Nora" eingesetzt) und des Ständermikrofons (es wird schon nebenan im "guten Menschen von Sezuan" verwendet). Aber wir haben immer noch das chorische Sprechen (was, vorgebracht von einem Wir, auch Sinn macht), wir haben Video (mit Selbstproduziertem aus Bern und den passenden Clips aus der Tagesschau), wir haben Live-Musik vom Akkordeonisten Ruslan Shevchenko mit Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi (man kann die Klänge als Appell an die Wurzeln europäischer Kultur und Humanität interpretieren oder als Zitat der Wirklichkeit unter den Kornhauslauben). Wir haben den geforderten Beitrag zur Gender-Gerechtigkeit (die beiden Schauspieler spielen in brauner und gelber Perücke die ausgebeuteten papierlosen Sexarbeiterinnnen).

 

Wir haben ausserdem den aus dem Off gesprochenen Text, den aus einem tragbaren Wiedergabegerät auf der Bühne abgespielten Text, den an die Wand projizierten und gleichzeitig aufgesagten Text, kurz den "Text in allen Brechungen". Dazu "kommen zwei Tänzer aus Argentinien [Patricia Rotondaro] und Frankreich [Philippe Ducou], deren Körpersprache dem Text anderen Ausdruck zu geben vermag als ihre Münder akzentfrei je vermögen würden" (Programmzettel).

 

Im übrigen gehört zu den Ingredienzien des Regietheaters, wie das informierte Publikum vom Theater heute weiss, und vielleicht auch erwartet, dass die Spieler ausgezogen werden. Die Regel ist, dass die Regisseure die Frauen ausziehen und die Regisseurinnen die Männer. Claudia Meyer ist eine Frau, ergo...

 

Wir haben schliesslich – wie bei den "Schutzbefohlenen" in Berlin! – die Aufhebung von Bühne und Zuschauerraum, indem das Publikum bei Spielbeginn durchs Theaterhaus in die Tiefgarage geführt wird, wo die drei Schauspieler (Milva Stark, Tobias Krüger, Sebastian Schneider) unversehens in Masken hinter den Säulen hervorspringen und das Publikum so anbrüllen, dass das Echo den Sinn der Rede verschlägt und gleichzeitig das 120-prozentige Engagement der Beteiligten herausstreicht, das, beeindruckend durchgehalten, die Vorstellung bis zum Ende trägt.

 

Skeptiker und Zyniker werden bei der Berner Produktion der "Schutzbefohlenen" ungerührt wie Mephisto in der Studierzimmerszene fragen: "Wozu der Lärm?" Dagegen werden die Gutwilligen antworten wie die Mitglieder des Jassklubs Niesen, die ihre Kasse für die Bedürftigen äufnen: "Wir spielen für einen guten Zweck."

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