Der Gockel. Georges Feydeau.

Komödie.                  

Josef E. Köpplinger. Theater in der Josefstadt.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 21. März 2016.

 

 

Was waren das für Zeiten, als es im Theater noch Fächder gab! Liebhaberinnen: muntere, sentimentale und solche, die ins Gebiet des Tragischen reichten (Hero, Klärchen, Julie). Dann die Heroinen (Iphigenie, Lady Macbeth, Sappho). Alternde Schauspielerinnen spielten Gesellschaftsdamen, Anstandsdamen, Intrigantinnen, Vertraute. Weitere Fächer waren das still duldende Weib, die lieberasende Frau, Abenteuerinnen dunkler Herkunft und Vergangenheit, dämonische Frauen und Maitressen (sic). Und schliesslich, am Ende der Karriere, die Heldenmütter ("Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich!") und die komischen Alten.

 

Bei den Männer gab es: Jugendlicher Liebhaber und Held. Erster Liebhaber, zweiter Liebhaber. Charakterdarsteller (Hamlet, Oswald). Intrigant, Diplomat, Salonschauspieler, Lebemann und Bonvivant, Komiker, Dritten-Akts-Komiker (Frosch), Utilité. "Dann aber kommen", schrieb 1909 der Begründer der Wiener Germanistik Jakob Minor, "die betrogenen Ehemänner des französischen Repertoires mit ihren beiden typischen Szenen: der Abrechnung mit der Frau und (womöglich im Duell) der Abrechnung mit dem Verführer."

 

Das Handwerk lernten die Schauspieler auf der sogenannten Ochsentour, zum Beispiel "in dem damals noch halb deutschen und mit einem unverächtlichen Theater ausgestatteten Temesvar" (Minor 1896). Von dort kam man etwa nach Hermannstadt, Chemnitz, Reval oder Mährisch-Ostrau und dann weiter an eine sogenannte "erste Provinzbühne", zum Beispiel Graz. Bei Eignung gar an eine "mittlere Bühne" wie Rostock, Oldenburg, Schwerin, Kassel, Hannover. Wenn die Künstler Glück, Talent und Ausstattung hatten und, sehr entscheidend, ein tragendes, volltönendes, modulationsfähiges "Organ", winkte ihnen zwischen dreissig und vierzig das Engagement an einer "ersten Bühne", also an einem Hoftheater wie Meiningen oder dem königliche Schauspielhaus Berlin. Zuoberst in der Hierarchie jedoch stand das k.k. Hofburgtheater.

 

Aus dieser geregelten Zeit, wo alles eingeteilt war und seine Form hatte ("Der Mann ist das Oberhaupt der Familie." Schweizerisches Zivilgesetzbuch), stammen die französischen Ehebruchskomödien von Georges Feydeau, in denen es nur ein Thema gab: Den Ausbruch aus dem Käfig. "Die Männer seiner Komödien", schreibt die Übersetzerin des "Gockels", Elfriede Jelinek, sind "Bürger des 19. Jahrhunderts, in - buchstäblich – wohlgeord­neten Verhältnissen und das auch noch in Paris, also wie der Herrgott lebend".

 

Weil auch die Stücke wohlgeordnet sind, hat sie Feydeau gebaut nach den damals alles beherrschenden Gesetzen der Mechanik. Sie führen vor, welche Abläufe eine starke Kraft (Eros) in einem System auslöst. Dabei zeigt sich: "Der sexuelle Betrug der Frau ist nur eine Kleinigkeit, gemessen an den Anstrengungen, die man auf sich nehmen muss, um ihn endlich begehen zu können. Und meist kommt es nicht so weit, weil Anzüge vertauscht werden, irgendwelche Mittel im unrechten Moment geschluckt werden, Doppelgänger in Gestalt von Dienstboten auftauchen oder Detektive" (Elfriede Jelinek).

 

Für den "Gockel" hat das Theater in der Josefstadt einen Meister seines Fachs engagiert: den Intendanten des Münchner Gärtnerplatztheaters Josef E. Köpplinger. Was er kann, zeigt seine Inszenierung im Stil des Herkömmlichen, die jetzt seit vier Monaten auf dem Spielplan steht und immer noch für volle Häuser sorgt. Köpplinger kann ein Werk auf Tempo bringen und komplexe Abläufe arrangieren. Wie komplex, belegen Erich Reismanns Szenenfotos im Programmheft: Da schnurren immer zwei, drei, vier Handlungen gleichzeitig ab; die eine Gebärde zeigt dorthin, die andere dahin – wie es eben in der "grande complication" der Feydeauschen Getriebe so läuft, wo der Ehemann am Schluss reumütig zu seiner Frau "zurückkehrt, aber schon mit einem Fuss wieder draussen steht, um einem diskreten Kutscher ein Signal zu geben" (Jelinek).

 

Man kann Feydeaus Stücke oberflächlich finden. Vor ihrer Dramaturgie aber muss man sich verneigen, und das aus einem Grund, den schon Georg Christoph Lichtenberg in einem Brief an Goethe formulierte: "Ich habe die wahrhaft grosse Unterhaltung [Wilhelm Meisters Lehrjahre] mit dem Gefühl von Gegendruck gelesen, ohne welches ich in keinem Buch fortfahren kann. Ich kann nicht recht deutlich sagen was ich unter diesem Ausdruck verstehe, ich glaube aber der Sache nahe zu kommen, wenn ich es durch oft wiederkehrendes Gefühl von der Superiorität des Schriftstellers über mein wertes Selbst nenne; diese bestehe nun in der Anordnung, dem Ausdrucke, den Gedanken oder Empfindungen. Mit einem Wort ich lese gar keine Bücher, wo ich noch beim dritten oder 4ten Bogen sagen kann: das kann ich auch."

 

Eine solche Überlegenheit zeigt sich in der Josefstadt bei Siegfried Walther, dem einzigen Komiker, den das Haus hat. (Wir haben keinen.) Bei ihm findet sich stets eine völlige Unschuld und Eigenständigkeit des Auftritts, wie sie Kinder und Hunde mitbringen, weswegen sie auch auf der Bühne so gefürchtet sind. Mit ihrer kraftvollen Unmittelbarkeit ziehen sie die Blicke auf sich und stellen alle, die eine Rolle spielen, in den Schatten. So auch Siegfried Walther. Bloss handelt es sich bei ihm, wie seinerzeit bei Fritz Muliar, weiterhin um Spiel – also um das künstlerisch gestaltete Vorgeben eines Menschen. Die Darstellung ist aber so gefüllt, so eigentümlich und präzis, dass man seine Kunstfiguren wieder als eigenständige Wesen wahrnimmt wie Kinder und Hunde, die auch auf urururalten Fotos nie veraltet wirken, im Gegensatz zu den Erwachsenen. - Weil man bei Walther nie vergisst, dass man es bei seiner Darstellung mit Kunst zu tun hat, schafft er eine Kunst höheren Ranges, die wiederum in Authentizität – Authentizität zweiten Grades – umschlägt.

 

Im roten Salon der Josefstadt steht die Büste von Kammer­schauspieler Fritz Muliar (1919-2009). Es ist Zeit, dass Siegfried Walthers Name in die Ehrentafel gemeisselt wird. Wen haben sie sonst? Und wir erst?

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