Nora. Henrik Ibsen.

Schauspiel.                  

Ingo Berk, Damian Hitz, Christian Aufderstroth. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 13. März 2016.

 

 

Die Kunst, die Ingo Berks Inszenierung von "Nora" zugrunde liegt, findet man wieder bei der Revision einer mechanischen Uhr. Der Meister nimmt das wertvolle, altgediente Stück mit Respekt entgegen. Bevor er es zerlegt, beschaut er sein Äusseres von allen Seiten: Wie sind die Jahre mit ihm umgegangen? An welchen Stellen ist es ramponiert? Genügt eine leichte Politur oder wird man ihm eine neue Fassung geben müssen? Immer noch hält der Meister die Schale in der Hand, denn das Innere ist verletzlich. Er horcht zunächst bloss. Das Ohr ist ein verlässliches Diagnoseinstrument, wenn es darum geht, den Zustand eines Innern zu erfassen. Wie ist der Gang? Ist der Takt sicher und firm oder schwach und unregel­mässig? Fallen einzelne Schläge aus? Woran könnte es liegen? Worauf muss ich achten, wenn ich das Werk auseinandernehme?

 

Beim Öffnen fällt als erstes auf, dass Staub eingedrungen ist. Staub dringt, wie Uhrmacher wissen, in jedes historische Werk ein. Um den Staub wegzubringen, gibt es die periodische Revision. Sie zerlegt das Stück in seine Einzelteile und nimmt jeden unter die Lupe. Viele Räder sind abgenützt. Oft greifen die Zähne schlecht ineinander. Die Achsen sind ausgeleiert. Immer ist das alte Öl, das dem Werk einst seinen glatten Gang gab, verharzt. Man muss es abfeilen und mit Reinigungsbenzin wegwaschen. Vielfach sind einzelne Elemente so verbraucht, dass man sie ersetzen muss. Billige Revisoren übernehmen dafür gern fertige Bestandteile aus andern Werken. Das kostet am wenigsten. Die teurere, aber auch aufwendigere Variante liegt darin, die Ersatzteile neu anzufertigen. Es handelt sich dann nicht mehr um Reparatur, sondern um partielles Neuerfinden. Dafür muss sich der Uhrmacher in die Philosophie des Werks hineindenken, um zu verstehen, wie es aufgebaut und berechnet wurde. Nur dann kann er die Teilung eines Radkranzes so exakt vornehmen, dass das Stück funktioniert wie neu. Daran scheitern viele Durchschnittliche. Sie produzieren Pfusch, und das Ganze läuft schlechter als vorher. Am Ende wird das gereinigte, frisch geölte Werk wieder zusammengesetzt. Der Meister prüft die Ganggenauigkeit in allen Lagen. Und wieder kommt das Ohr zum Zug: Stimmen Rhythmus und Takt? Ein neues, unzerkratztes Glas erlaubt schliesslich dem Betrachter, alle Einzelheiten auf dem Zifferblatt exakt und klar zu erfassen.

 

Bei "Nora" von Henrik Ibsen, uraufgeführt in Kopenhagen am 21. Dezember 1879 unter dem Titel "Ein Puppenheim", ist Ingo Berk so vorgegangen wie ein Uhrmacher; und die Auslieferung des revidierten Werks unter dem Titel "Nora" am 12. März 2016 in den Könizer Vidmar-Hallen zeigt, dass das verharzte Ding jetzt wieder funktioniert. Das antike Werk (für den Bau heutiger Stücke hat man die Gesetze der Mechanik längst aufgegeben) läuft glatt und ohne zu stocken, seine Feder hat Kraft und Zug, und man kann an ihm wieder die Zeit – unsere Zeit! – ablesen. Es geht bei "Nora" nicht mehr allein um die Unterdrückung der Frau, sondern um das angepasste, uneigentliche, leere Leben, mit dem man sich und die andern belügt, bis man merkt: "Torvald, in diesem Augenblick kam ich zu der Erkenntnis, dass ich hier acht Jahre lang mit einem fremden Mann zusammen gehaust habe." - So erfüllt Ingo Berks Revision die Forderung des englischen Dichters und Kritikers Matthew Arnold, der als Literatur­professor an der Universität Oxford statuierte, Dichtung sei entweder Kritik oder Deutung des Lebens. Bei "Nora" von Ibsen/Berk ist sie beides.

 

Statt eines kleinbürgerlichen Puppenheims mit Klavier, Lehnstühlen, Schaukelstuhl, Ofen, einer "Etagere mit Porzellan und anderen künstlerischen Nippsachen" hat Bühnenbildner Damian Hitz nun ein japanisches Interieur mit einem enormen, spiegelglatten Wasserbecken hingestellt. Diese Einrichtung ist nicht nur ein Zitat der trendigen Gegenwartsarchitektur – man denke etwa an den Eingangsbereich des KKL (Jean Nouvel) oder an den Vorplatz der Seilerei Jakob in Trubschachen (Martin Sturm) – sondern das japanische Haus erfüllt darüberhinaus die Funktion, die Leute zum Ausziehen der Schuhe anzuhalten wie bei weiland Gustav und Luise Ehrsam am Spalenberg 77a in Basel.

 

Sinnvoll und folgerichtig evoziert das Gitterwerk, das die Papierwände trägt, den Käfig, in dem Nora steckt, und die Durchhörbarkeit der dünnen Wände macht die permanente soziale Kontrolle augenfällig. Zugleich bringt das hippe Interieur Torvald Helmers Geschäfts- und Machtambitionen zur Anschauung. Das Becken bleibt lange rein und unberührt. Als jedoch die Welt des Vorspiegelns zusammenbricht, wird das Wasser getrübt und aufgewühlt durch die vier Menschen, die den Halt verloren haben und hineingeraten sind. So erhält der antiquierte Bestandteil des Regietheaters, den Ruth Berghaus schon vor vierzig Jahren einsetzte, hier eine sinnvolle Funktion; er deutet die Handlung und schafft zugleich, unterstützt von Christian Aufderstroths Lichtgestaltung, eine packende, wechselvolle Atmosphäre.

 

Die Revision, die Ingo Berk mit seinem Team vornahm, erstreckte sich also, wie man sieht, nicht nur aufs Stück, sondern auch aufs Vokabular des herkömmlichen Regietheaters. Was sonst konventions­halber zum Einsatz kommt, macht nun Sinn und geht auf. Und warum? Weil sich das Produktionsteam dem Stück näherte wie der Literaturwissenschafter Jochen Hörisch einem Text: "Mein Verhältnis zum Text ist, ihn auch dann zu lieben und zu begehren, wenn er einen erst einmal fremd und abweisend anschaut. Und sich dann um ihn zu bemühen. Nicht um ihn zu erobern, sondern um von ihm erobert zu werden. Die fremden Buchstaben schauen mich so verführerisch an, dass sie sagen: Folg mir in die Fremde. Nicht: Folg mir in die Heimat."

 

Für diese Reise in die Fremde, die am Ende des dritten Akts alle fünf Personen antreten müssen, setzt die Produktion fünf starke Darsteller ein. Sie sind glaubhaft; anrührend; rollenadäquat. Sophie Melbinger als Nora, Arne Lenk als Torvald, David Berger als Doktor Rank, Zoe Hutmacher als Kristine Linde und Jonathan Loosli als Lars Krogstad bilden zusammen ein Ensemble, um das sich manches Theater "die Finger schlecken würde bis zum Ellenbogen" (Gotthelf). Für Ingo Berk ist jetzt aber der Meisterbrief eines "horloger complet ehrenhalber" fällig.

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