Hedda Gabler. Henrik Ibsen.

Schauspiel.                  

Janusz Kica. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 6. März 2016.

 

 

Vierter Akt des Dramas. Heddas Träume sind zerplatzt, und mit ihnen "die leidenschaftliche Revolte gegen alles Enge, Kleine, Unfreie, Dumpfe, Verkümmerte, Alltägliche" (Alfred Polgar). Jetzt geht sie, schreibt Ibsen, "zum Ofen und setzt sich auf einen Hocker". (Man muss bei Ibsen die Stellungen symbolisch lesen.) Daneben steht Richter Brack "über sie gebeugt, wobei er sich auf den [danebenstehenden] Lehnstuhl stützt". Hedda "flüstert". Die andern im Gesellschaftszimmer sollen sie nicht hören: "Was haben Sie da von der Pistole gesagt?" Brack antwortet "leise": "Dass er sie gestohlen haben muss." In den kurzen Zeilen, die darauf folgen ("Warum...?" - "Weil..." – "Nicht wahr?" – "Ja." – "Haben Sie..." – "Nein." - "Haben Sie vielleicht..." – "Nein."), in diesen kurzen Zeilen verliert für Hedda die ganze "Sache ihre Logik, ihre Würde, ihr Mass; sie wird falsch, unheilvoll, krumm, getrübt durch hysterische Dialektik und alle gleissenden Finten unbefriedigter Sexualität" (Alfred Polgar). Hedda, schreibt Ibsen, "senkt den Kopf". Richter Brack aber "beugt sich zu ihr hinunter" und flüstert: "Na, glücklicherweise ist keine Gefahr, solange ich schweige." Hedda "sieht auf zu ihm: 'Ich bin also in Ihrer Hand, Herr Assessor. Von nun an bin ich in Ihrer Gewalt." Brack, der nur darauf wartet, dass sich ihm Hedda ergibt, spielt den Gentleman und antwortet "noch leiser flüsternd: 'Liebste Hedda, - glauben Sie mir, - ich werde die Situation nicht missbrauchen." An dieser Stelle denkt man: Das Schwein! Der Richter "will sein Schweigen damit erkaufen, dass er von Hedda verlangt, mit ihm intime Beziehungen aufzunehmen. Sie hat ihre Macht an den 'amüsanten Unterhalter' verloren, der die unter Schmeichelei und Heuchelei versteckte Brutalität der Gesellschaft verkörpert." (Kirsten Hölterhoff)

 

Für seine Produktion am Theater Biel Solothurn hat Regisseur Janusz Kica die Szene an zwei kleinen, aber entscheidenden Punkten verändert. Brack steht nicht, sondern er sitzt. Hedda dagegen sitzt nicht mehr auf einem Hocker beim Ofen, sondern steht neben ihm, und zwar so nah, dass er ihr während des geflüsterten Dialogs von hinten sachte die Hand zwischen die Beine schieben und sie wie eine Schnecke nach oben führen kann, bis sein ausgestreckter Mittelfinger ihre Scham erreicht, die er reibend beklopft und betastet. Und wieder denkt man: Das Schwein! Aber hier, in dieser Inszenierung, hat die Hand-lung dem Wort die Show gestohlen. Die Aufmerksamkeit des Zuschauers richtet sich viel stärker auf den sichtbaren obszönen Vorgang als auf den unsichtbaren Akt der kalt lächelnden Erpressung.

 

In dieser Verschiebung der Gewichte, Betonung des Falschen, Vergröberung des Subtilen liegt die eigentliche Krux der ganzen Produktion. Sie versucht, mit äusseren Mitteln eine Intensität herbeizuzwingen, die doch aus dem Spiel der Darsteller resultieren sollte. In Biel-Solothurn sieht man immer, was gewollt ist. Aber es funktioniert nicht. Oder sagen wir korrekterweise: Es funktioniert nicht an der Premiere. Vielleicht ist es bloss ein "Noch nicht".

 

Aber Atina Tabé ist keine Duse. Anders als ihre berühmte Vorgängerin gestaltet sie das Ende des dritten Akts nicht als unauslöschlichen Höhepunkt, wenn sie Lövborgs geniales Manuskript ins Feuer wirft: "Jetzt verbrenne ich dein Kind!" In Biel-Solothurn wird das Konvolut mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt. Die Flammen (echte Flammen!) schiessen auf, und der Vorhang fällt. Und wieder zeigt sich: Die äussere Sensation musste die Leere der Darstellung überdecken. Denn wie steht's bei Ibsen? Der Meister verlangt lediglich einen Ofen. Das Feuer sieht man nicht. Dafür aber sieht man etwas anderes. Hedda Gabler, so lautet die Regieanweisung, "holt das Manuskript hervor, schaut ein bisschen in den Umschlag, zieht ein paar Blätter halb heraus und liest ein wenig." Diese drei Wörter "... liest ein wenig ..." werden in Biel-Solothurn übergangen. Eine Kleinigkeit? Aus ihnen hat Eleonora Duse eine ganze Szene gemacht: "Sie liest das Manuskript, findet Schönes darin, immer Schöneres, und zerknüllt es, zerwühlt es, grade weil sie so Schönes entdeckt, und weil es ohne sie entstanden ist. Und ihre Hände werden gezogen, zu zerknüllen und zu zerraufen, von einer unsichtbaren Macht, von einer Gier, die aus ihrem Innersten lugt, einem Zerstörungshass, dem verborgensten Sadismus der Seele, die Befriedigung fühlt, wenn ... nicht sie, sondern das, was sie regiert, die Ballen ins Feuer wirft, schmeisst, schleudert. Das dunkelste Grollen einer beleidigten, grossen, murrenden, hingerissenen Kreatur." (Alfred Kerr)

 

Es ist klar: An der Premiere in Solothurn war die Aufführung nicht von Innen gefüllt. (Noch nicht.) Sie folgte dem Stück recht getreu, brachte aber keine Intensität zustande. Man erkannte den Willen. Aber das Erreichte blieb hinter ihm zurück. Wie recht hat doch das Bonmot, das der frühere Dokumentationsleiter der Schweizerischen Theatersammlung kürzlich zitierte: "Kunst kommt nicht von Wollen. Sonst hiesse sie 'Wunst'."

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