Wassa Schelesnowa. Maxim Gorki.

Schauspiel.                  

Andreas Kriegenburg, Harald B. Thor. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 28. Januar 2016.

 

 

Kaum war die Interimsdirektorin des Burgtheaters definitiv gewählt, wurde sie in einem einstündigen Radiogespräch des Kultursenders Ö-1 nach ihrer "Haltung" gefragt. Die "Burg", von "Theater heute" eben zum "Theater des Jahres" erhoben, habe "einen bildungsbürgerlichen Auftrag", erklärte Karin Bergmann. "Lassen Sie das Wort 'bürgerlich' weg!", warf die Moderatorin entsetzt ein. "Sagen Sie lieber: 'Einen Bildungsauftrag'!" – "Also: Bildungsauftrag", korrigierte sich die Leiterin der angesagtesten und renommiertesten Bühne, um gleich eine weitere Ungeheuerlichkeit auszusprechen: Das Burgtheater fühle sich "dem Dichterwort verpflichtet". An dieser Stelle musste die Moderatorin wieder schlucken; hätte es in ihren Augen korrekterweise doch "DichterInnenwort" heissen müssen, oder besser "Wort" oder am allerbesten grad "gar nichts". – Auf die Spitze aber trieb es Karin Bergmann, als sie die Naivität (oder war es Unverschämtheit?) hatte zu sagen, das Burgtheater müsse "auch Unterhaltung" bieten. An dieser Stelle ging ein Jaulen durch die Glasfasernetze, das von den i-Phones und Tablets der universitären Theater­wissenschaft herkam.

 

Die Grössen "Unterhaltung", "Dichterwort" und "Bildungs­auftrag" finden sich nun in der Aufführung der ersten Fassung von Gorkis selten gespieltem, sperrigem Stück "Wassa Schelesnowa". Regisseur Andreas Kriegenburg und sein Bühnenbildner Harald B. Thor, die immer Sinn hatten für gescheite, symbolkräftige Zeichen, hängen den Boden, auf dem sich die Titelfigur und ihre vielköpfige Familie bewegt, an Stahlseilen auf, so dass die Szene immerzu schwebt und schwankt und die Personen ins Nichts zu werfen droht: ein überzeugendes Bild für die Instabilität der Wirtschaftslage, in der sich die konkursgefährdete Firma Schelesnow bewegt. – Die Mutter, in deren harten Fäusten alle Fäden zusammenlaufen, hat gemerkt, dass in stürmischen Zeiten nur unsentimentaler Darwinismus das Überleben sichert, und so stösst sie mitleidlos alle Angehörigen vom Brett, die es mit ihrem Ungeschick zum Sinken bringen könnten.

 

Es ist eine düstere Welt, die der 42jährige Gorki zeichnet. Sein Dichtername heisst ja auch "der Bittere". Die Frauen sind Teufel und die Männer sind Trottel. Vielleicht werden – ein vager, wahrscheinlich illusionärer Wunsch der alternden Hausherrin – im Garten einmal Enkel "wie kleine, unschuldige Tiere" herumtollen, aber noch sind sie nicht gezeugt, als der fallende Vorhang das Stück beschliesst.

 

Das Ensemble spielt auf der gewohnten Burgtheater-Höhe, das heisst perfekt und rollenadäquat. Alle zeichnen ihre Personen mit der unangestrengten Souveränität der Könnerschaft, und zusammen bilden sie eine Konstellation, in der jeder dieser unvollkommenen Menschen klar und deutlich fassbar wird. Die schwermütige Eindringlichkeit der Aufführung aber bringt Andreas Kriegenburg dadurch zustande, dass er der Schwärze Ausdruck gibt, die zwischen den Figuren, den Worten und den Handlungen liegt. Das bleiern Unausgesprochene, das erstickend Menschenfeindliche, den stets präsenten Tod ins Gravitationszentrum zu stellen, ist ein Regiegedanke, der die Selbstverleugnung und Überlegenheit des Burgtheater-Ensembles im Dienst am Dichterwort eindrücklich bezeugt.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]