Anatol. Arthur Schnitzler.

Schauspiel.                  

Herbert Föttinger, Walter Vogelweider. Theater in der Josefstadt.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 28. Januar 2016.

 

 

In jedem Haus gibt es Räume, die man kaum mehr besucht: Das Gästezimmer unterm Dach, der Perkussionskeller des längst ausgezogenen Sohns, der Bastelraum. In solch einem "fast vergessnen Lustgemach" fällt eines Tages der Blick des Dichters Eduard Mörike "auf eine Lampe". Und er stellt fest: Das "zierlich aufgehangene", "schöne" Ding – "ein Kunstgebild der echten Art" – erregt keine Bewunderung mehr; es wird auch ("Wer achtet sein?") kaum mehr wahrgenommen.

 

Solcher Missachtung trotz aller Qualität ("Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst") unterliegt seit zwei, drei Generationen das Theater in der Josefstadt in der Welt des Feuilletons. Es ist nicht mehr Mode, den 8. Bezirk fürs Schauspiel aufzusuchen, und es ist nicht mehr angesagt, seine Produktionen gut zu finden. Sogar das bürgerlich gesittete, in Ehren ergraute Publikum bedankt sich bloss noch mit wohlerzogenem, aber im Grunde unbeteiligtem Applaus für eine "Anatol"-Aufführung, die, wenn es in der Welt nach gerechtem Mass zuginge, ans Berliner Theatertreffen gehörte. Man würde dort feststellen (und vielleicht gar zu würdigen verstehen), dass es in der Josefstadt eine sorgfältige, kontinuierliche Ensemblepflege gibt, die noch auf die Direktionszeit von Max Reinhardt (1924-1933) zurückgeht und heute krass absticht von den hochgespeedeten, ungeregelten Ausschlägen auf der Skala der Hipster.

 

Was jahrzehntelange Kontinuität zustandebringt, kann man also an diesem "Anatol" studieren und bewundern. Es ist zunächst: Einheitlichkeit. Einheitlichkeit des Stils. Und Einheitlichkeit der Qualität. Gleichgültig, wie alt die Schauspieler sind (die Spanne reicht von zwanzig bis achtzig), alle sind optimal eingesetzt, sie sprechen deutlich und differenziert ("distinkt" nannte das Descartes) und ihre Darstellung ist gehalten vom Ton des Hauses.

 

Der Stil wiederum, den die Josefstadt pflegt, wird unter dem Wort "Schauspielertheater" subsumiert. Das bedeutet (wie man bei "Anatol" studieren und bewundern kann) ein ungewöhnlich sensibles Hinhorchen und Hinschauen auf das, was auf der Bühne passiert an Gebärde, Haltung, Sprache, aber auch an Beleuchtung und Ausdruck des Raums; und es bedeutet ein hohes Ethos für das, was Rolle und Stück verlangen. Oft sind die Regisseure – wie an der Comédie Française, die ähnlich funktioniert – selber Schauspieler (wie Molière, Nestroy, Kortner, Reinhardt), und das bedeutet, dass sie nicht inszenieren, um sich gross herauszubringen, sondern die Kollegen.

 

Der 82jährige Helmut Lohner war für die Rolle des Anatol vorgesehen. Doch er starb, noch bevor die Proben begannen. Und so besetzte ihn der 54jährige Regisseur Herbert Föttinger mit dem 69jährigen Michael König. Ihm zur Seite stellte er den 78jährigen Peter Matić als Franz in einer Fassung, die er mit dem 71jährigen Peter Turrini erstellt hat. Diese Garde führt uns nun hinein in die Tiefe der Jahre, wo es noch Damen gab in der Inneren Stadt und in Hernals draussen noch süsse Madeln. - Wir erleben, dass der Text, den Schnitzler eigentlich für müde Mittdreissiger geschrieben hatte, von der ästhetischen Weltschmerz-Pose des fin de siècle wegkommt und uns mit echter Trauer über die Unwiederbringlichkeit von Jugend und Liebe ergreift.

 

Der Stil der Josefstadt, der solche Wunder schafft, erweist sich als Kunst des Weglassens, Weglassens, Weglassens, bis wir im reinen Worttheater angelangt sind, wo in beinah leeren, aber ausdrucksstarken Räumen (Bühne: Walter Vogelweider) bloss noch Gesichter angeleuchtet werden; das von Andrea Jonasson etwa und das von Michael König, die einander Sätze vorsagen wie die: "Was sagt sie denn? – Was man eben in solchen Fällen sagt... – Nun, zum Beispiel? – Ich weiss kein Beispiel. – Was sagte sie gestern? - Ach, nichts Besonderes... – Nun, was sagte sie? – 'Ich bin so froh, dass ich dich wieder hab!' – 'Ich bin so froh', wie?! – 'Dass ich dich wieder hab!" - Obwohl die Inszenierung viel von Schnitzlers Text und Regie­anweisungen wegnimmt, ist doch alles da, was es braucht: im Klang, im Hauch, in der Stille. Ludwig Mies van der Rohe hatte recht: "Weniger ist mehr." Die Josefstadt hat's gezeigt.

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