Peer Gynt. Enrique Gasa Valga.

Tanzstück.                  

Enrique Gasa Valga. Tiroler Landestheater Innsbruck.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 27. Januar 2016.

 

 

Als sich, so geht die Sage, die Plattenfirma Polydor 1982 zur Aufnahme von "Tristan und Isolde" anschickte, die später von der Kritik zur Referenz-Aufnahme erhoben wurde, waren alle an ihren Plätzen. Nur der Dirigent fehlte. Er hatte sich in der Herrentoilette verbarrikadiert. Der Manager klopfte ihn heraus. Carlos Kleiber schluchzte: "Es ist zu schwer. Ich kann es nicht!" Die Einsicht in die überwältigende Grösse des Werks raubte ihm das Selbstvertrauen. Wiewohl mit überdurch­schnittlicher Begabung ausgestattet, fühlte er sich Wagner nicht gewachsen.

 

Den gegenteiligen Fall finden wir in Shakespeares "Sommer­nachtstraum" beim Handwerksmann Zettel, der mit seinen Gesellen "Pyramus und Thisbe" auf die Bühne bringen will. Bei ihm führen Enthusiasmus und beschränkter Verstand zu Selbst­überschätzung. Und so bettelt er: "Lasst mich den Löwen auch spielen."

 

Die beiden Sorten von Künstler findet man beim Theater immer wieder. Zum Typus Kleiber gehörte etwa der Regisseur Fritz Kortner, der mit Probieren nicht aufhören konnte und die Premieren, zum Ärger der Intendanten, immer wieder verschob; oder, in den bescheidenen Verhältnissen am Jurasüdfuss, der Opernregisseur Stephen Smith, der es nach ein paar überwältigenden Talentproben in Biel-Solothurn (unvergesslich: "Die vier Grobiane" 1976) vorzog, Farmer zu werden. Und der Begabteste unter den jungen Schauspielern, Helmut Pietz, brach seine vielversprechende Karriere ab und liess sich stattdessen zum Solothurner Primarlehrer ausbilden. In beiden Fällen: Ein Verlust fürs Theater.

 

Den gegenteiligen Fall finden wir heute beim Tiroler Landestheater Innsbruck. Da zeichnet der Direktor der Company, Enrique Gasa Valga, nicht nur fürs Tanzstück von "Peer Gynt", sondern auch für Libretto, "Musikauswahl, Choreographie & Inszenierung". Er nimmt sich heraus, die Vielschichtigkeit des dramatischen Gedichts zu ignorieren und die fünf Akte des "nordischen Faust" auf fünf Viertelstunden zusammen­zustreichen. Schliesslich macht er ja Tanz, und nicht bloss Schauspiel. Auch die Einfühlung in die Titelfigur bereitet ihm keine Schwierigkeiten. Im Programmheft lässt er in 48-Punkt-Schrift verlauten: "Ich teile eine Leidenschaft mit Peer: Ich reise gerne." Man sieht: Das Original spielt bloss eine Nebenrolle. Auch in der Tonspur: "Musik von Peter Kollreider, Edvard Grieg u.a." (sic!).

 

Für die Erkenntnis des Abstands, des Grössenunterschieds – ach was: der Unvereinbarkeit der Innsbrucker Produktion mit ihrer Vorlage haben Valga und sein Musikgestalter, unangefochten von des Gedankens Blässe, kein Organ. Es genügt aber nicht, Tänzer zu bewegen. Will man "Peer Gynt" machen, muss man ihnen auch einen Charakter geben. Die Abwesenheit von Substanz jedoch kann der massive Einsatz von Kostümen, Drehbühne, aleatorischem Videodesign, elektronisch gestylten Geräuschen und Klängen sowie das Aufhübschen der Aktion mit "eye candies" nicht vergessen machen.

 

Dabei ist das Vertanzen literarischer Stoffe nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Das haben Birgit Cullberg mit "Fräulein Julie", John Neumeier mit der "Kameliendame" und Heinz Spoerrli mit "Romeo und Julia" überzeugend nachgewiesen. Aber es gehört Begabung dazu. Und Sinn für die Qualitäten der Vorlage. Nicht bloss Chutzpe.

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