Der Talisman. Johann Nepomuk Nestroy.

Posse.                  

Peter Wittenberg, Florian Parbs. Landestheater Linz.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 27. Januar 2016.

 

 

Dass das Landestheater Linz etwas kann, steht ganz ausser Frage. Der kaufmännische Direktor präsentiert die Zahlen für die vergangene Spielzeit: Rekordauslastung in den verschiedenen Häusern, Rekordeinnahmen in den verschiedenen Sparten, Rekordzuwachs bei den Abonnements. Und das Können zeigt sich auch am einzelnen Stück: Beim "Talisman", der die Lindtberg-, Benning- und Bachmann-Inszenierungen von Nestroy-Stücken, die das Burgtheater in den letzten vierzig Jahren herausbrachte, weit übertrifft, selbstverständlich auch die von Josefstadt und Volkstheater.

 

Peter Wittenbergs Produktion hat das Wunder vollbracht, dass Nestroys eigentümliche Komik auf der Bühne ihren adäquaten Ausdruck findet. In einer Probenarbeit, die man sich nicht anders als gesegnet vorstellen kann, entwickelte das Ensemble aus dem Gestenrepertoire unserer Zeit einen Nestroystil, der den Qualitäten der Vorlage in jedem Moment gerecht wird: Grotesk, komisch, immer wieder überraschend – und dabei stets unangestrengt, präzise, gescheit, vielschichtig. Kein Zweifel, der Linzer "Talisman" ist eine theatralische Freude, ein Labsal, ein Genuss.

 

Es kommt der Produktion zugute, dass keine "Ausstattung" vom Spiel der Darsteller ablenkt. Ein schwarzer Kasten, ein paar Falltüren (Bühne: Florian Parbs). In der Mitte eine Aluminiumleiter, die von der Unterbühne in den Schnürboden führt. Damit ist der Lauf der Handlung punktgenau erfasst: Es geht ums Hinaufgelangen und Hinunterkommen auf der Karriereleiter des vazierenden Barbiergesellen Titus Feuerfuchs.

 

Den Aufstieg ermöglicht ihm eine schwarze Perücke – der Talisman. Man könnte belächeln, dass sich die Vertreterinnen ständischer Vorurteile (die Gärtnerin, die Kammerfrau, die Gräfin) von solch einer Äusserlichkeit täuschen lassen, wenn nicht Regisseur Peter Wittenberg mit einem stupenden Witz die Täuschungsbereitschaft der Zuschauer mit ins Spiel einbezogen hätte. Plutzerkern und Frau von Cypressenburg, also der versoffene Gärtnergehilfe und die dichtende Gräfin, also die beiden Extrempunkte auf der sozialen Leiter in Nestroys Posse, werden vom selben Darsteller gegeben, und man erkennt deren Identität erst, wenn man nach der Aufführung die Namen der Darsteller im Programmheft nachschlägt. Und da tritt zur Überraschung aller, die mit am Tisch sitzen, zutage, dass noch ein zweites Figurenpaar zusammengelegt wurde: der Friseur und der Bierversilberer, also die beiden Vertreter des Handwerks­stands. Es ist der Linzer Produktion mithin das Wunder gelungen, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung zusammenzubringen, und zwar "en gros" und "en détail".

 

Und doch bleibt – Krux aller Landestheater – der Linzer "Talisman" in einem entscheidenden Punkt hinter Burg und Josefstadt zurück: Die jungen Schauspieler können nicht reden. Bei einem Autor, der durch funkelnden Wortwitz brilliert, ist dieses Manko gravierend. Doch was will man? Aus den Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum kommen pro Jahr vielleicht noch fünf, sechs junge Menschen mit einwandfreier Diktion. Und die werden von Wien und München gleich absorbiert. Anderswo kann man von ihnen nur träumen. In dieser Beziehung macht Linz keine Ausnahme.

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