Der Himbeerpflücker. Fritz Hochwälder.

Komödie.                  

Cilli Drexel, Christina Mrosek. Landestheater Nieder­österreich.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 27. Januar 2016.

 

Wenn es Stéphane Braunschweig, der neue Direktor des Théâtre de l'Odéon, in diesen Tagen nach St. Pölten schafft – so ist es nicht ausgeschlossen, dass er Cilli Drechsel vom Fleck weg engagieren wird, um den "Himbeerpflücker" in Paris zu inszenieren. Für die französische Fassung brauchte sie bloss die Handlung ein wenig zu verschieben (von Bad Brauning nach Vichy-les-Bains), und schon wäre das Premierenereignis perfekt. Die französische Kritik würde – angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen und angesichts des unaufhaltsamen Aufstiegs von Marine Le Pen – Fritz Hochwälders Komödie als "Stück zur Zeit" feiern und seinen Besuch nachdrücklich empfehlen, weil hier, mit den Mitteln der Lustspiel-Ästhetik, Aufklärung, Entlarvung, ja Blossstellung betrieben wird.

 

"Der Himbeerpflücker" funktioniert auch in St. Pölten. Eine Aufarbeitung des Faschismus hat es in Österreich – gleich wie in Frankreich – nie gegeben. Mit dem Ausbruch des kalten Kriegs führten in der Alpenrepublik Russenhass und Anti-Kommunismus zu einer Wiederaufwertung des Nationalsozialismus, weil der "stets gegen den Bolschewismus" gewesen war.

 

Wie rasch in Österreich der Deckel über die braune Zeit gelegt worden war, beschreibt der Linzer Medizinprofessor Klaus Bolzano in seinem bedenkenswerten Essay "Die Neidgesellschaft. Warum wir anderen nichts gönnen": "Als im Mai 1945 das 'Dritte Reich' zusammenbrach, war ich neun Jahre alt. Von einem Tag auf den anderen hiess es: Fliegerbücher, jede Lektüre über Kriegshelden und das Hitlerbild sind zu verbrennen. Die soeben vergangene Zeit durfte mit keinem Wort mehr erwähnt werden. Warum das so war, erklärte uns niemand. Über die Erwachsenen breitete sich das lähmende Schweigen eines Friedhofs. Es gab weder Rechtfertigungen noch Reue noch irgendetwas, sondern jeder versuchte nur wortlos zu überleben. Für uns Kinder war dies unerträglich, weil für uns aufgrund unserer Erziehung zu Hause und in der Schule der 'Führer' der Inbegriff alles Guten war. Wir lebten in der Hoffnung, für diesen 'Führer' den Krieg zu gewinnen und ihm ein würdiger Junge zu sein. Es ist so und wurde nie ausgesprochen: Für uns war Hitler ein Abgott, der sich noch dazu ständig auf die Vorsehung berief. Und, da uns niemand eines besseren belehrte, blieb er dies in unserem Inneren für lange Zeit."

 

"Der alpenländische Faschismus österreichischer Provenienz" (Fritz Hochwälder) tritt einem auch entgegen, wenn man als einziger Besucher die stillen Räume des Stadtmuseums durchwandert, wo für ein halbes Jahr die schwer erträgliche Sonderausstellung "St. Pölten 1945" zu sehen ist. Da stösst man auf die Porträts jener 13 Menschen, die St. Pölten zur offenen Stadt erklären wollten, um angesichts des Kriegsendes die Bevölkerung zu schützen. Doch sie wurden verraten und zwei Tage vor Einmarsch der Sowjettruppen im Hammerpark erschossen.

 

Überzeugend, wie Bühnenbildnerin Christina Mrosek nun den braunen Sumpf ins Spiel bringt, der im Untergrund immer noch wabert: In der Gaststube des Brauninger Bürgermeisters Konrad Steisshäuptl führt eine Falltür nach unten, und was die alten Kameraden dort verhandeln, wird auf eine Wand von Holzpaneelen projiziert, wie man sie im St. Pöltener Hotel Metropol wiederfindet. Das niederösterreichische Landestheater hat die Brauninger Honoratioren (Baumeister, Arzt, Fabrikbesitzer, Rechtsanwalt) mit einer Garde ausdrucksstarker älterer Schauspieler besetzt, die überzeugend, um nicht zu sagen: lebensecht "die alten Volksstückfiguren" verkörpern. Und "der saftige Prachtkerl, die mannstolle Tochter, die heuchlerischen Honoratioren lassen wie im Angsttraum sich wiedererkennen" (Theodor W. Adorno).

 

Das Vokabular der Posse, das Hochwälder für eine Komödie verwendet, die, wie er sagt "leider keine Erfindung, sondern Reportage ist", setzt Cilli Drexels Inszenierung kongenial um durch präzises Auf- und Zuklappen der Türen und durch den gescheiten, weil dekuvrierenden Einsatz von Speisen und Getränken (Schnapserl, Egger Bier, Sekt, Wurstsemmel, Leberkäs, Frankfurter Würstel). So erreicht die Aufführung vor der Pause bereits einen ersten Höhepunkt: Der Bürgermeister lässt sich vollaufen und zertrümmert im Suff das ganze Bühnenbild. Die Türen krachen und die Paneele fliegen davon.

 

Nach der Pause geht es mit präziser Gradation der Handlungskurve weiter, immer noch gehalten von der eisernen Hand der Regisseurin, die mit fabelhaftem Gespür fürs Tempo die Handlung beschleunigt oder verlangsamt, wie man das wohl von Luc Bondys Inszenierungen am Pariser Théâtre de l'Odéon her kennt, nicht aber in einem an der Westbahnstrecke verlorenen Nest wie St. Pölten erwartet hätte.

 

Der Hauptgrund indes, warum man den "Himbeerpflücker" nicht an der Seine, sondern an der Traisen sehen muss, liegt an dem, der sich nicht exportieren lässt: Hauptdarsteller Martin Leutgeb. Ihn bezeichnete die Kollegin vom "Kurier" als "eine Sensation", also ein Wunder an komödiantischer Kraft, Spielfreude, Handwerk und Intelligenz. Seine Darstellung des Bürgermeisters von Brauning zeigt an, dass es nach Attila Hörbiger, Fritz Muliar und Otto Schenk wieder einen Darsteller gibt, der in der Lage ist, die grosse österreichische Lustspieltradition weiterzuführen, und zwar "sans faille", wie man dazu in Frankreich sagen würde.

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