Die Töchter des Danaos (Die Schutzflehenden). Aischylos/Gerhard Meister.

Tragödie.                  

Ramin Gray, John Browne, Romy Springsguth. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. Dezember 2015.

 

 

Die Grösse dieser Aufführung liegt in der Kraft, Überflüssiges, Störendes und Irreführendes wegzulassen; oder anders gesagt: in der reinen, schnörkellosen Darbietung von Aischylos' Tragödie. – Überflüssig wären (um wieder mal ein Lieblingswort des verstorbenen "Bund"-Kollegen Martin Etter [-tt-] aufzunehmen) die "Mätzchen" des heutigen Regietheaters, wie man ihnen bei den aktuellen Produktionen der "Schutzflehenden" in Deutschland und Österreich allenthalben begegnet: Ständermikrofone bzw. Headsets zum elektronischen Aufpumpen des Gesprochenen, Videoproduktionen, um das zu ersetzen, was Bühne und Schauspieler nicht können, "Weltmusik" mit Ethno-Bands zum akustischen Herausstreichen der Botschaft, dass die jungen Frauen, die im Stück vor der Zwangsverheiratung geflüchtet sind, exakt von dort stammen, wo die Bilder der abendlichen Tagesschau herkommen.

 

In Bern erklingt stattdessen bloss eine Bratsche (Valentina Gasparetti), um anstelle der Flöte, die im antiken Theater den Sprechgesang begleitete, die lineare Dimension der Melodie ins Geschehen einzubringen. Und anstelle der Kithara, die den Rhythmus betonte, setzt nun das Schlagzeug (Simon Baumann) diskrete Tupfer. Schon Jacob Burckhardt, unser Mann auf der Tausendernote, staunte: "Das griechische Ohr, für dessen Feinheit wir in der Metrik ein allgemeines Zeugnis haben, muss von einer für uns kaum vorstellbaren Empfindlichkeit gewesen sein, wenn Instrumente mit Darmsaiten, welche nicht gestrichen, sondern nur gegriffen oder mit dem Plektron gespielt wurden, in riesigen, völlig besetzten Theatern hörbar sein sollten, oder wenn, wie bei den Spartanern, ausser dem Flötenspiel auch das Spiel der Lyra als Marschmusik dienen sollte." So kam der Historiker zum Schluss, dass wir uns zur Einfühlung ins griechische Theater hinwegdenken müssten "aus der Welt unserer modernen Blechinstrumente und uns andere Ohren vorstellen als unsere vergeigten, verblasenen, zertrommelten, von den Lokomotivpfiffen nicht zu reden".

 

John Brownes Komposition, die nun in den Vidmar-Hallen den Gesängen der Danaos-Töchter Gestalt gibt, hat einen sanft zurückhaltenden, achtsam horchenden Charakter. Um ihn zu bezeichnen, verwenden die Berner das Wort "gspürig". – Dieselbe Qualität beiläufig anmutender Präzision bzw. wohlgesetzten Unterstatements findet sich in den Kostümen von Romy Springsguth, die, mit diskreten Farben und Zuschnitt, beim Chor Individualität und Einheitlichkeit ineinanderfliessen lässt.

 

Regisseur Ramin Gray vermeidet in seiner Inszenierung alles Störende, das in den aktuellen Produktionen allenthalben den Auftritt in Form selbstgerechter Moralität prägt. In den "Schutzflehenden", die ausserhalb Berns zu sehen sind, wird die empathiearme Herzensenge und faschistoide Xenophobie der Bürger als verklemmter AfD- und Pegida-Sympathisanten durch Wort, Spiel und Haltung des Königs von Argos denunziert, so dass an ihm ablesbar wird, dass die Aufnehmenden nur um ein Kleines weniger böse sind als die Vertreibenden. Macht ist eben Macht. "Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier, und eo ipso unerfüllbar, daher in sich unglücklich und muss also Andere unglücklich machen." (Jacob Burckhardt)

 

Die Töchter des Danaos werden nun aber in Bern von Nico Delpy als König Pelasgos mit einem vornehmen, ruhigen Wohlwollen aufgenommen, das ihn in eine Reihe stellt mit den grossen Gestalten des klassischen Repertoires: Sultan Saladin in "Nathan der Weise" oder Pascha Selim in der "Entführung aus dem Serail". Der aufgeklärte Herrscher als Vorbild gelebter Humanität. "Alles Grosse bildet, sobald wir es gewahr werden." (Goethe)

 

Übertroffen wird Pelasgos noch, wie Vater Danaos (Stéphane Maeder) freudig berichtet, vom Volk der Argiver. Wenn der König angesichts der Boat-People ins Abwägen kam, entscheiden sich die Bürger ohne Zaudern und "mit einer Stimme" für die Aufnahme der Verfolgten. Das allein ist Zeus, dem obersten der Götter und Schutzherrn der Flüchtlinge, wohlgefällig. Mit dieser Darstellung sind wir beim Kern des Theaters, wie ihn die Klassik verstand: "Welche Verstärkung für Religion und Gesetze, wenn sie mit der Schaubühne in Bund treten, wo Anschauung und lebendige Gegenwart ist, wo Laster und Tugend, Glückseligkeit und Elend, Torheit und Weisheit in tausend Gemälden fasslich und wahr an dem Menschen vorübergehen, wo die Vorsehung ihre Rätsel auflöst, ihre Knoten vor seinen Augen entwickelt, wo das menschliche Herz auf den Foltern der Leidenschaft seine leisesten Regungen beichtet, alle Larven fallen, alle Schminke verfliegt und die Wahrheit unbestechlich wie Rhadamanthus Gericht hält." (Schiller)

 

Die Grösse der Berner Aufführung liegt schliesslich darin, dass sie Irreführung vermeidet, indem sie in Befolgung sogenannter Gender-Gerechtigkeit die Rollen umverteilt. Am vergangenen Samstag kam in Hannover George Taboris Schauspiel "Mein Kampf" heraus, sozusagen zeitgleich mit der Freigabe von Hitlers gleichnamigem Buch am 1.1.16. In dieser Inszenierung wurde die Rolle des Postkartenmalers und Weltkriegsgefreiten mit einer Frau besetzt – fürwahr ein erhellender Gedanke: Die Frau im Manne! Damit taucht die ganze Weltgeschichte in ein neues Licht.

 

In Bern jedoch werden die Töchter des Danaos – entgegen dem Trend – nicht durch Männer dargestellt, und sie kommen auch nicht aus Afrika, sondern aus Bern, wie im antiken Theater, wo der Chor mit Laien gebildet wurde. Da nun aber Bernerinnen aus dem Volk kein Bühnendeutsch sprechen, hat Gerhard Meister, der die Fassung erstellte, ihren Part in Berndeutsch gehalten. Dass damit die Vertriebenen Leute "von uns" sind, ist ein Nebengedanke, den die Inszenierung glücklicherweise nicht weiterverfolgt, zumal die Chorführerin (Sophie Melbinger) als Mitglied des Ensembles reines Deutsch spricht. Damit ist auch gesagt, dass sie, wie die andern ausgebildeten Schauspieler, ihren Text verständlich vorträgt, eine Qualität, die dem Chor der engagierten jungen Laiendarstellerinnen in bedauernswert hohem Mass abgeht. Es ist wohl kein Zufall, dass dem Erfolg des legendären Zürcher Kammersprechchors von Ellen Widmann ein jahrelanges hartes Training voranging.

 

Vielleicht hätte es schon (etwas) geholfen, wenn im Leitungsteam noch die Position "Sprechtechnik" geschaffen worden wäre. Im Hinblick auf weitere Aufführungen wird das Theater jedenfalls noch hart an der Wortverständlichkeit arbeiten müssen. Und es wird auch gut daran tun, eine Applausordnung einzuführen, damit die schöne, kluge, wohlgestaltete Inszenierung am Ende nicht ausfranst wie an der Premiere, wo augenscheinlich nicht genug mit der Dankbarkeit der Zuschauer gerechnet worden war. Mit diesen Verbesserungen ist es denkbar, dass die Produktion in den Folgevorstellungen an Intensität und Überzeugungskraft weiter zulegen wird.

 

Schon jetzt aber steht fest, dass dem Berner Schauspiel mit den "Töchtern des Danaos" eine beachtliche Aufführung gelungen ist. Gerhard Meister hat die schwierigen Satzkonstruktionen des altgriechischen Originals entworren und in sprechbares, wunderbar beiläufiges Deutsch überführt, ohne die Fremdartigkeit der griechischen Welt zu verraten. Die Tragödie nämlich kommt von weit her. Sie ist das älteste Drama, das uns überliefert wurde, und das merkt man der Produktion in Bern glücklicherweise immer noch an. Denn "der Abstand, der durch Sprache, fremde Individualität, vergangene Bedingungen und Denkungsweise gesetzt wird, bleibt unüberbrückbar". Diese "unaufhebbare Differenz" nicht zu verwischen, macht die Grösse der Aufführung aus. Sie gewinnt damit eine besondere Aktualität - "die Aktualität der anschaulich oder begreiflich gewordenen Elementarverhältnisse" (Walther Killy).

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