Der Nussknacker. Peter I. Tschaikowsky.

Ballett.                  

Jonathan Darlington, Orchestre de Paris. Philharmonie de Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 29. November 2015.

 

 

"Ich lasse Sie hier aussteigen", sagt der Taxifahrer. "Drüben ist das Bordell." Er meint nicht ein Freudenhaus, sondern die Verkehrsverhältnisse. "Sobald Sie durch die Unterführung gekommen sind, sehen Sie das Gebäude." In der Tat, man kann es nicht verpassen: Wie eine riesige, von innen her leuchtende Meringue-Schale überragt es die Cité de la Musique und die Variété-Halle. Auch den Zugang braucht man nicht zu suchen: Man kann den weit entfernten Silhouetten der Menschen folgen, die wie Ameisen der Tiefe des Gebäudes zustreben. Oder man kann sich verlocken lassen, die Rampe zu betreten, die in einem gewundenen Weg als sogenannte "promenade architecturale" in die Höhe führt und immer wieder neue Aspekte der Soufflé-Architektur Jean Nouvels freigibt. Zwei, drei Mal kommt man an Abschrankungen vorbei; offenbar werden, acht Monate nach Eröffnung des Gebäudes, Bauschäden repariert.

 

Die Wege sind lang. Wohlweislich hat der Veranstalter gemailt: "Kommen Sie frühzeitig!" Denn auch im Innern führen Rampen, Treppen, Gänge in endlosem Auf und Ab weiter bis in den Konzertsaal. Das Labyrinth aber ist so sinnreich angelegt, dass sich die 2400 Besucher nach Durchschreiten der Metalldetektoren und Handtaschenkontrolle gleich verteilen. Wer das Konzert besucht, fühlt sich nicht als Teil einer Masse, sondern als staunender Spaziergänger, als Flaneur.

 

Im Konzertsaal aber bleibt man, von einem leichten Schwindel ergriffen, abrupt stehen. Da ist die Masse. Köpfe, Köpfe, nichts als Köpfe, oben, unten, links, rechts, vorne, hinten. Sie blicken aus farbigen Balkonen, die wie Schwalbennester an die Seitenwände geklebt worden sind. Nur am Grund des Saals, in der Mitte, herrscht noch Leere. Hier wird das Orchestre de Paris Platz nehmen, das seit Januar in dieser neuen Philharmonie beheimatet ist. Wo aber ist der eigene Platz? Dort, fünf Reihen weiter unten! Ein Abstieg, nicht weniger abenteuerlich als die Niesentreppe, führt zum Fauteuil am Rand eines schmalen, ungesicherten Bords, das die SUVA in der Schweiz verbieten würde, weil das Geländer fehlt. Nun zieht man die Füsse nach hinten und hält sich zwei Stunden lang still. Denn der Balkon ist so gebaut, dass man mit den Schuhen den Kopf der Vorderfrau streifen würde, wenn man leichtsinnigerweise die Beine kreuzen wollte. Anderseits riecht man während des Konzerts intensiv, dass man selbst auch Schuhe im Nacken hat. Die Geruchsquelle erweist sich in der Pause als sportliche Fussbekleidung einer hübschen Pariser Tochter.

 

Obwohl der Geruchssinn biologisch viel älter ist als das Ohr, setzt sich das Klanggeschehen, das vom Podium aufsteigt, vom ersten Ton an mühelos durch, dank der stupenden, im wahrsten Wortsinn unerhörten Akustik des Saals. Tschaikowskys "Nussknacker" beginnt mit einer kammermusikalisch zarten "Ouverture miniature", und da fühlt man sich bereits von jedem Instrument angeredet. Die Klänge realisieren sich als räumlich gestaffeltes Geschehen von aussergewöhnlicher Transparenz und Trennschärfe. Zum ersten Mal hört man einen leise angeschlagenen Triangel, dessen Klingeln im Tutti nicht untergeht. Gleich verhält es sich mit Spiccato zweier Celli und mit dem Tamburin, das am Ende des arabischen Tanzes erstirbt. Orchester und Dirigent geniessen hörbar die Pianissimo-Kultur, die der neue Saal ermöglicht.

 

Tschaikowskys Instrumentierungskunst kommt hier als räumliches Ereignis zur Geltung: Hinten die bunte Schar des Chors (105 Kinder aus allen Pariser Quartieren, eine fabelhafte Kultur- und Integrationsleistung sui generis), rechts das Knallbrett, das den Schuss imitiert, dahinter das Holz, aus dem der Kuckuck um Mitternacht zwölfmal gespenstisch ruft, bevor die Schlacht gegen den Mäusekönig losgeht, und links die nachdenkliche Bassklarinette – alle distinkt als individuelle Mitspieler wahrnehmbar. Irritierend einzig die fehlende Wärme der Streicher. (In dieser Beziehung ging es mir gleich wie dem Kollegen von der "Süddeutschen Zeitung": An meinem Platz klangen die Geigen säuerlich.)

 

Bis zur Pause gelingt es dem Dirigenten Jonathan Darlington nicht, das alte Vorurteil zu widerlegen, dass Ballettmusik keine Musik sei. Auch der "Nussknacker", aufgeführt als reines Konzert, hat seine Schwächen. Die Begründung für die Gestaltung der Komposition liegt eben ausserhalb der Musik, beim Tanz. Ausgerechnet beim Blumenwalzer aber verlassen Dirigent und Orchester das Feld des Handlungsballetts und führen mit kühner Agogik in die Sphäre einer fragilen und darum berührenden Schönheit, hinter der unversehens die komplexe Seelenstruktur des Komponisten durchscheint. So erreicht das Orchestre de Paris, das spezialisiert ist auf die französische Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, in den letzten Nummern des "Nussknackers" eine Welt der sublimen Trauer und Melancholie.

 

Die Klarheit, mit der alles in diesem wundervollen Saal erklingt, lässt am Ende die Frage aufkommen, wie hier wohl die Musik der deutschen Romantik daherkäme, die auf Mischung der Klangfarben hin angelegt ist, etwa Brahms. Und Mahler – der müsste doch hier, in der Pariser Philharmonie, ebenso gut klingen wie im Wiener Musikvereinssaal, wenn nicht besser. Das wäre zu prüfen. Hoffentlich steht er beim nächsten Parisbesuch auf dem Konzertprogramm. Dann wird man wissen, wozu man an die Seine fährt.

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