Rusalka. Antonín Dvořák.

Oper.                  

Adrian Prabava, Markus Bothe, Ralph Zeger, Justina Klimczyk. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. November 2015.

 

 

Das letzte Mal, wo im Stadttheater Bern "Rusalka" gegeben wurde (das war 1990), sah man auf eine silberne Folie, die den nächtlichen Teich darstellte; im Hintergrund hing vom Schnürboden eine gelbe Scheibe, die im "Lied an den Mond" angesungen wurde; und zwischen grünen Plastikhalmen, die als Schilf aufgefasst werden sollten, machten junge Frauen gymnastische Bewegungen: die Elfen. Rusalka aber steckte bis zum Nabel in der Versenkung (man musste sich ihre untere Hälfte als Fischleib denken) und wand die Arme mit der Verzweiflung einer Stummfilmdiva: "Fort von euch möcht' ich, dahin geht mein Streben, / ich möcht' ein Mensch sein und im Lichte leben." Trotz dieses "werktreuen" Regiekonzepts indes ging die peinliche Produktion am Werk vorbei und verfehlte die Liebesgeschichte des mythischen Paars von Nixe und Prinz.

 

Heute nun, 25 Jahre später, blickt man in Bern nicht mehr auf einen "Wiesengrund am Ufer eines Sees", sondern in eine armselige, düstere Stube (Bühne Ralph Zeger). Auf dem Sofa kauert ein krankes Mädchen (Rusalka: Evgenia Grekova), eingepackt in eine warme Decke. Es hält eine Puppe in den Armen, der es bald überdrüssig wird. Auch die zweite und dritte nimmt es nur auf, um sie enttäuscht wieder abzulegen. Die seelenlosen Geschöpfe können ihr Liebesverlangen nicht erwidern und auch nicht stillen. Auf einem Gemälde an der Rückwand des Zimmers sieht man den Mond, an den sich Rusalka wendet, als Inbegriff der romantischen Sehnsucht: "O Mond, verweile, bleibe / sage mir doch, wo mein Schatz weile."

 

Und da kippt die Szene ins Unheimliche. Die Stube verfinstert sich. Regen beginnt an den Wänden herunterzulaufen. Schon bedeckt das Wasser den Boden und steigt rasch hoch. Bereits überflutet es das Kind, das jetzt am Grund eines Aquariums zu liegen scheint. Wie verzweifelt schält es sich aus der Decke, und wir erkennen, dass ihm die Beine fehlen. Sein Körper läuft in einen Fischschwanz aus, von dem die Flossen weit abstehen (Kostüme Justina Klimczyk). Doch schon reisst uns die Aufführung weiter. Wir geraten in eine verschimmelte Küche. Da tummeln sich die Elfen, die Rusalka mit "Schwestern" anredet, und wie die bösen Schwestern aus der albtraumhaften Welt der Märchen hinken sie auch daher, aufgedonnert, missgestaltet, furchterregend, grotesk.

 

Wir sind immer noch an Anfang des ersten Akts, aber schon zeigt sich, dass die Regie von Markus Bothe die szenischen Angaben des Librettos ignoriert. Durch das Verlassen des oberflächlichen Konzepts der Werktreue aber gelingt es ihm, den Kern des Dramas zu erreichen und überzeugend herauszuschälen. "Rusalka" erzählt von der Sehnsucht aller reinen Seelen, wegzukommen aus der Armut, Enge und vergammelten Erbärmlichkeit des Diesseits. Die unglückliche Nixe träumt von der Liebe zu einem schönen Prinzen, der sie wegführt und erlöst, bis sie erfährt, dass man nicht zusammenkommen kann, wenn die gemeinsame Sprache fehlt.

 

Durch das Bild im Bild (ein gemalter Vollmond, der von einem Bild an der Rückwand aus in alle Räume blickt), stellt die Inszenierung den Übergang von einer Sphäre in die andere dar und verschränkt am Angelpunkt, wo sich Prinz und Nixe die Hand reichen, Diesseits und Jenseits miteinander. Da vollzieht sich der romantische Traum vom Zusammenfallen der Gegensätze (coincidentia oppositorum), von der Verschmelzung des Getrennten zur Einheit. An dieser Stelle legte an der Premiere der ältere Berner neben mir seiner Frau die Hand aufs Knie. Auf der Bühne aber kletterte das junge Paar derweil über den Rahmen hinaus in die Welt, um von der andern Seite her wieder auf die Bühne zu kommen, die nun den Prunksaal eines Schlosses darstellte. So wurde der Rahmen, der sonst die Funktion hat, zwischen Kunst und Wirklichkeit zu trennen, zu einer ästhetischen Klammer von hoher Suggestion.

 

Gesungen wird auf Deutsch, in der Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze. Diese Entscheidung hat – jenseits aller achtenswerten puristischen Einwände – den Vorteil, dass (1) die für uns befremdlichen Häufungen der tschechischen Zischlaute wegfallen, dass (2) die Sänger (von denen keiner die Originalsprache beherrscht) wissen, was sie singen, und dass (3) die Wort-Ton-Beziehung fürs Publikum enger und einsichtiger ausfällt als sonst, weil der von den Monitoren abgelesene Text engstens mit dem von den Ohren aufgenommenen übereinstimmt. Eine prüfenswerte Nonkonformität.

 

Die Beziehung zwischen Wort und Ton, die Dvořáks reiche Partitur in alle Richtungen hin auslotet, wird noch einmal intensiviert durch die Achtsamkeit, mit der Regisseur Markus Bothe auf die Musik hört. Ihm entgeht keine Modulation; und jeder Tonartenwechsel findet im Spiel der Darsteller, in einer Wendung der Drehbühne, in einer Veränderung des Lichts, in einer Haltungsverschiebung des Chors seine Entsprechung, gleichsam als wäre die Komposition eigens für diese spezielle Aufführung geschrieben worden. Zu diesem Konzept gehört eine filmische Führung der Sänger, und sie erreicht ihren Gipfel dort, wo die sprachlose Nixe dem Prinzen durch ein eindringliches Spiel von Blick und Gebärde ihre Liebe gesteht.

 

Am Ende der Oper rückt uns die Aufführung Rusalka in einer überzeugenden inszenatorischen Bewegung weg wie die sterbende Ottilie in Goethes "Wahlverwandtschaften", wo auch ein fataler Teich zum Tod führte: "Das bleiche himmlische Kind sass, sich selbst bewusst, wie es schien, in der Ecke des Sofas ... Sie setzt ihre Füsse darauf und findet sich in einer halb liegenden, bequemen Stellung. Sie scheint Abschied nehmen zu wollen ..."

 

Die Aufführung – so überlegen, dass sie sogar den Vorhang einzusetzen wagt (was, um nur ein Beispiel zu nennen, an den Münchner Kammerspielen seit 2001 nie mehr geschah) – weist am Ende nach, dass eine Inszenierung, wenn sie gescheit ist (wie hier), auf die Dimensionen der Überraschung, des Entzückens und der "vermischten Empfindungen" (Faszination kombiniert mit Abscheu) nicht zu verzichten braucht, um vor der strengsten Kritik standzuhalten. Getragen von einem präzisen, intelligent reagierenden und wohlklingend homogenen Orchester unter der Stabführung von Adrian Prabava erweist sich die Berner "Rusalka" von Nummer zu Nummer, Szene zu Szene, Akt zu Akt als Produktion von bemerkenswerter Geschlossenheit und Qualität.

 

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