Othello. William Shakespeare.

Tragödie.                  

Claudia Meyer, Bettina Pommer, Michael Wilhelmi. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 1. November 2015.

 

 

Von der Bühne aus führt ein Laufsteg durchs Parkett bis an die hintere Wand und symbolisiert die Ferne, aus der Othello, der afrikanische Söldnergeneral, herkommt. Am Ende des Stücks, wo alle Hauptfiguren tot sind (Othello, Desdemona, Emilia – Jago erwartet noch eine lange, tödliche Folter), rollt ein einsamer Scheinwerfer auf einem selbstfahrenden Wägelchen über den Laufsteg nach hinten und erlischt. Die Tragödie ist aus.

 

Dazwischen wird auf der Bühne gespielt, die leergefegt ist bis zur Brandmauer. Sobald die Schauspieler den überdeckten Orchestergraben verlassen und nach hinten gehen (auch, oft und immer wieder, nach hinten sprechen), ist das Gesagte nicht mehr zu verstehen. Glücklicherweise steht in der Mitte des Raums ein Ständermikrofon. Die Zeilen, die dort hinein gesprochen oder gesungen werden, erreichen als Sinn-Fragmente über die Verstärkeranlage das Ohr der Zuschauer unverzerrt und vernehmlich (Bühne Bettina Pommer).

 

Neunzig Prozent des Textes sind gestrichen, und das Programmheft verrät nicht, aus welcher Übersetzung die verbliebenen zehn Prozent stammen. Immerhin kommt das Wort "verarschen" vor, und das Wort "Sport", beides an der Rampe gesprochen. Darum versteht man's.

 

Der Berner "Othello", der unter diesen Voraussetzungen zustandekommt, bringt hauptsächlich das Skelett von Jagos Intrige (beeindruckend rollengerechte Gestaltung von David Berger) und, sozusagen mit gestrichelter Linie, den Leidensweg Desdemonas (ausserordentlich intensives, vielseitig nuanciertes Spiel von Mariananda Schempp). Es steht ausser Frage: Die beiden Schauspieler hätten die Kraft, eine Aufführung von konventioneller Länge (also dreieinhalb bis vier Stunden) durchzutragen.

 

Die Inszenierung aber, die mit dem Wort so sparsam umgeht (Claudia Meyer), dass die Tragödie nach zwei Stunden abgespielt ist, überlässt den Hauptteil der Aussage der unbestimmt schwebenden Sprache der Musik (Michael Wilhelmi an einem elektronisch aufgerüsteten Flügel).

 

"Der Mohr von Venedig" ist mit einem Mann aus Togo besetzt. An seinem Spiel sticht vor allem der Wille hervor, es gut zu machen. Heldenhaft kämpft er um die Sprache. Aber das Deutsch unterwirft sich seiner Zunge nicht. Immer sagt er "leben" statt "lieben". Der Rest ist unverständlich. Damit entpuppt sich Ramsès Alfas Othello als zweifaches Opfer: Opfer der venezianischen Intrige und Opfer der Berner Besetzungs­ambitionen.

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