Terror. Ferdinand von Schirach.

Schauspiel.                  

Kurt Josef Schildknecht. Düsseldorfer Schauspielhaus.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 19. Oktober 2015.

 

 

Wieder mal eine Gerichtsverhandlung auf der Bühne. Diesmal geht es aber nicht um einen zerbrochenen Krug, sondern um eine Flugzeugentführung. Die Passagiermaschine wird abgeschossen, wie sie zum Sinkflug aufs vollbesetzte Münchner Fussballstadion ansetzt. Alle Flugzeuginsassen, 124 Menschen, kommen ums Leben. Major Koch rechtfertigt den Abschuss: Er habe die 70'000 Zuschauer des Länderspiels retten wollen. Ist er des Mordes an den Passagieren gleichwohl schuldig zu sprechen? Das Publikum kann sich um die Frage nicht drücken: Wenn es nach der Pause in den Saal zurück will, muss es entweder durchs Tor, das mit "schuldig" angeschrieben ist, oder durchs Tor, über dem "unschuldig" steht.

 

Das Stück – ein Renner, ein Reisser, ein Selbstläufer – kam vor einem Monat gleichzeitig in Berlin und Frankfurt zur Uraufführung. Jetzt wird es innerhalb weniger Wochen von 14 Theatern nachgespielt. Für die Produktion am Düsseldorfer Schauspielhaus zeichnet der Schweizer Kurt Josef Schildknecht, ein Altmeister der Regie.

 

Er inszeniert die Gerichtsverhandlung so lebensecht, dass man bereits beim ersten Auftritt vergisst, im Theater zu sitzen, und das Spiel mit der Wirklichkeit gleichsetzt; schon nur, weil man statt Schauspielern (oder Performern) Menschen gegenübersitzt: Bürgerliches Illusionstheater vom Feinsten – in Deutschland ein Tabubruch.

 

Die Folge: In der Pause sprechen die Zuschauer von nichts anderem als vom Fall. Ob Major Koch schuldig zu sprechen sei oder nicht. Die Zuschauer applaudieren nach dem Plädoyer der Staatsanwältin und nach der Rede des Verteidigers – aber nicht wegen ihrer beeindruckenden schauspielerischen Leistung, sondern wegen der packenden Argumentation.

 

Wie das Urteil verkündet und das Stück aus ist, stehen alle Premierenbesucher auf und geben den Prozessbeteiligten und dem Regieteam - und dem Autor, der auf die Bühne kommt – eine minutenlange Standing Ovation. Das soll es dem Vernehmen nach in Düsseldorf seit Jahren nicht mehr gegeben haben.

 

Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet: "Aber nicht genug, dass uns die Bühne mit Schicksalen der Menschheit bekannt macht, sie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglücklichen sein und nachsichtsvoller über ihn richten. Dann nur, wenn wir die Tiefe seiner Bedrängnisse ausmessen, dürfen wir das Urteil über ihn aussprechen." Schiller hätte an der Aufführung seine Freude gehabt.

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