Eine Sommernacht. David Greig und Gordon McIntyre.

Komödie.                  

Patricia Benecke, Konstantina Dacheva, Lea Nussbaum. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 24. September 2015.

 

 

Die Komödie, ein Zweipersonenstück, erzählt nicht gerade unerhört Neues. Das Thema ist, wieder einmal: "Boy meets girl". Im konkreten Fall müsste es zwar heissen: "Girl meets boy", doch das spielt keine ausschlaggebende Rolle. Wichtiger ist, wie erzählt wird, und darauf beruht die ganze Kunst des 45jährigen Schotten David Greig, der bis heute schon fünfzig Stücke, Texte, Adaptationen und Libretti geschrieben hat, die er, meist mit eigenen Truppen, auch inszeniert und gespielt hat... gleich wie früher Nestroy, Shakespeare, Molière... und in diese Reihe gehört er auch. Wie seine Vorgänger kam Greig im Wechselspiel von Begabung und Praxis Stück für Stück zur Meisterschaft, und diese Meisterschaft zeigt sich jetzt daran, dass der Komödiendichter mit seinem Material auf derart virtuose Weise zu spielen versteht, dass der Eindruck entsteht: Er nimmt die Handlung weniger ernst als die Kunst.

 

Diese Leichtfertigkeit des Scherzes, dieser grundsätzliche Unernst des Humors, verbunden mit grosser Sympathie für die kleinen Figuren, eist das Publikum aus der Erstarrung los, bringt die Dinge in Fluss, die Verhältnisse ins Tanzen und die Seele zum Träumen, so dass der Display eines Parkschein-Automaten die Rolle der Pythia übernehmen und das Schicksal der Figuren umlenken kann: "Change is possible", leuchtet bei der Noteneingabe auf. Gegen eine Erleuchtung indes, die nicht von oben kommt, sondern der Seite, nicht von Gott, sondern von den Dingen, sind der Puritanismus bei Shakespeare, der Katholizismus bei Molière und die Zensur bei Nestroy vorgegangen.

 

Subversiv ist bei David Greig aber nicht nur die Handlung, sondern auch die Erzählweise. Die Geschichte kommt aus dem Mund zweier Schauspieler, in Bern Sophie Melbinger und Tobias Krüger, die das Publikum schon am Eingang der Halle empfangen und ihm die Tickets kontrollieren. Dann wird die Tür geschlossen, das Licht im Zuschauerraum gelöscht. Nun entspinnt sich die Liebesgeschichte zwischen einem dreissigjährigen kleinkriminellen Versager und einer ebenfalls dreissigjährigen Scheidungsanwältin (die also beruflich viel vom Versagen versteht). Beide sind allein und von ihrer Situation enttäuscht. Das erklären sie, indem sie berichten, wo und wann sich die Geschichte ereignet, fallen aber bald in die Figuren Helena und Bob, unterbrechen unversehens die Szene und rufen: "Nein, so war's nicht, das hab' ich mir bloss gewünscht; in Wirklichkeit war's so", und damit hat die Handlung schon 6 Ebenen durchlaufen.

 

Ebene 1: Die Wirklichkeit der Aufführung mit Theaterraum, Technik, Schauspielern und Zuschauern. Ebene 2: Die vorgespielte, in einer Sommernacht angeblich vorgefallene Handlung. Ebene 3: Die Gedanken, die diese Handlung begleiteten. Ebene 4: Die Erzählung des Vorgefallenen aus der Rückschau. Ebene 5: Die kritische Analyse (a) dessen, was angeblich vorgefallen ist und (b) dessen, wie darüber berichtet wird. Und schliesslich Ebene 6: Der Reflexionsraum der Songs von Gordon McIntyre, die die Handlung begleiten mit Philosophie, Traum, Emotion.

 

Die Vermischung der jahrtausendelang getrennten Gattungen Lyrik, Epos und Drama erlaubt es David Greig, die Zeit je nach Notwendigkeit zu raffen, zu dehnen oder auch bloss im chronologischen Takt laufen zu lassen. Seine eklektische Dramaturgie ermöglicht es ihm auch, ohne Schwierigkeiten zusätzliche Personen herbeizuzitieren und Ortswechsel durch zwei Worte vorzunehmen, so dass sich die Ereignisse zweier Mittsommertage in neunzig Minuten kondensieren lassen.

 

Schauplatz ist die Hauptstadt Schottlands, wie sie die Encyclopaedia Britannica in ihrer 15. Auflage vor mehr als einem halben Jahrhundert charakterisiert hat: "Edinburgh war lange berühmt für eine etwas unflexible Ehrbarkeit, beherbergte aber gleichzeitig eine faszinierende Unterwelt von Schweinerei und Trunksucht. Einem Dichter oder Juristen von Rang mochte es gelingen, in beiden Welten zu wohnen." In diesen beiden Welten finden wir nun den Regen der gestrigen Nacht mit seinen Pfützen, die Emos und Penner beim Pavillon im Stadtpark und die geschniegelten Anwälte in der hippen Bar und das Fünfsternhotel.

 

Die Kostüme von Lea Nussbaum geben diese Spannweite wieder, während die Bühne in ihrer grauen Simplizität (Konstantina Dacheva) zurückhaltend und wirkungsvoll zugleich mit der funkelnden Vielschichtigkeit der Handlung kontrastiert. Für die Brillanz im Spiel, die Greig verlangt, muss man weit suchen. In Bern findet man sie nicht (Regie Patricia Benecke). Da liegt eben die Krux aller Komödien, die aus einer Truppe eingespielter Virtuosen herausgewachsen sind. In Wien hat man deshalb nach dem Tod Nestroys und Wenzel Scholz' aufhören müssen, die Possen zu geben, weil sie niemand mehr mit dem nötigen Brio abliefern konnte.

 

Das Schauspielerpaar in Bern ist sympathisch. Man kann seine Geschichte gut mitvollziehen, wenn auch nicht jedes Wort verständlich genug herüberkommt. Voll zur Geltung aber kämen die Qualitäten der "Sommernacht" erst, wenn die Aufführung den gleichen Überschuss an Kraft und Talent aufwiese, aus dem der Text entstanden ist – ein Überschuss, der ihn so unschweizerisch arrogant und selbstsicher und so verdammt schwer spielbar macht. In Bern ist die Durchschnittlichkeit der Figuren nicht bloss angedeutet; dabei müsste man sie mit jener Attitüde hochgemuter Grandezza darbieten, für die Georg Christoph Lichtenberg das Wort "Geck" verwendet hat: "Um eine fremde Sprache recht gut sprechen zu lernen, und würklich in Gesellschaft zu sprechen mit dem eigentlichen Akzent des Volks, muss man nicht allein Gedächtnis und Ohr haben, sondern auch in gewissem Grad ein kleiner Geck sein."

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