Liriapin – Traum einer Existenz.

Kreation.                  

Gastspiel der Luzerner Spielleute im Zähringer-Refugium, Bern.

Der Bund, 6. November 1978.

 

 

Jenseits des Amateurhaften

 

Den Vergleich mit ihrer Sparte, dem Amateurtheater, brauchen die Luzerner Spielleute nicht zu fürchten. Denn mit "Liriapin – Traum einer Existenz" haben sie jene zwei Krebsübel hinter sich gelassen, die üblicherweise dazu führen, dass man die Liebhaberbühnen nicht ernstnimmt: die albernen Texte und den überholten Theaterstil.

 

Hier wird man verschont von Geschichten, die sich darin erschöpfen, effektvolle Klischees aneinanderzureihen, und man wird verschont von Schauspielern, die ihre ganze Begeisterung dafür verwenden, den Vorbildern des "Ohnsorgtheaters" nachzustreben. Bei den Luzerner Spielleuten fehlte somit beides, was das landläufige Amateurtheater ausmacht: Begeisterung und Phantasielosigkeit. Wie die Truppe dastand und im Spiel sich entwickelte, merkte man nämlich, dass die Begeisterung gewichen war zugunsten des Willens, etwas zu leisten, zugunsten der Arbeit. Denn das Gefühl für den Raum, das die Luzerner Spielleute entwickelt haben, kommt nicht von selbst, ebensowenig wie das Gefühl für den Ausdruck ihrer Körper und das Gefühl für die Körper der Mitspieler.

 

Wer selbst schon Schritte in dieser Richtung unternommen hat, weiss, was für Hindernisse zu überwinden sind, bis eine ganze Truppe die Scheu vor dem Körperlichen abgelegt hat. Am Ende eines solchen Prozesses zeigt sich aber auch, wie sehr die gemeinsame Arbeit verbindet – und dafür waren die Luzerner ein überzeugender Hinweis. Hier ist von "Ensemble" zu sprechen, und nicht mehr von einer Vereinigung von Liebhabern.

 

Zu sehen war – und damit wurden auch die Schranken der Phantasielosigkeit durchbrochen – das Stück von einem der Spielleute. Das bedeutet, dass sich die Truppe, angefangen von der eindrücklichen und gescheiten Bühnenmusik über Beleuchtung, Bild und Kostüm bis zum Stück aus Eigenem nährte und es aus eigener Kraft geschafft hat. Geschafft, ernstgenommen zu werden.

 

Im Programm wird das Stück mit einem Kaleidoskop verglichen. In der Tat: Zunächst erscheint es sinnlos und verwirrend, dann aber ergeben sich durch die Wiederkehr von Sätzen und Motiven Beziehungen, Strukturen. Damit ist angedeutet, dass der Zuschauer am Spiel beteiligt war, denn niemand anderer als er stiftete Sinn und Ordnung.

 

So ergiebig diese Tätigkeit indessen war, ich hätte mir doch gewünscht, dass sich das Stück am Kaleidoskop bloss inspiriert hätte, statt es zu imitieren. Denn am Kaleidoskop kann man mitunter lange drehen, bis sich eine starke, eindrückliche Konfiguration zusammenballt. Dass das Stück solche Leerstellen auch enthielt, machte es stellenweise belanglos. Wenn wir schon beim Bild des Kaleidoskops sind, dann ist noch ein letztes zu vermerken: So gut die Luzerner Spielleute als Konfiguration zueinanderpassten, so wäre doch darauf zu achten, dass sie dort, wo sie als Einzelelemente auftreten, mehr Profil, Individualität und Schärfe erlangen.

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