Iphigenie auf Tauris. Johann Wolfgang Goethe.

Schauspiel.

Peter-Andreas Bojack. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 27. November 1984.

 

 

 

Die Langeweile des Klassikers

 

Selten noch gab es im Stadttheater eine langweiligere Aufführung. In der ersten Reihe kämpfte ein Jüngling still gegen den Schlaf, während unverschämtere Zuschauer herzhaft gähnten. Eine Klassiker-Inszenierung also, unter der alle leiden: das Werk, das Theater und das Publikum.

 

 

Bereits nach anderthalb Jahren sind die Verdienste sichtbar, die Peter-Andreas Bojack fürs Städtebundtheater errungen hat. Es gelang ihm, ein Ensemble zu beleben, das von Lustlosigkeit und Resignation umfangen war. Der Stil der Aufführungen hat sich erweitert, Ausdrucksformen wurden gefunden, die vorher in Biel nicht möglich schienen. Bei aller Konventionalität läuft der Spielplan behutsam gegen den "Trend", und er ist daher interessant. Diese Verdienste sind dem Theaterdirektor Peter-Andreas Bojack anzurechnen. Als Regisseur jedoch hat mich derselbe Bojack bis jetzt noch nicht überzeugt, am wenigsten mit seiner "Iphigenie".

 

Über allen Inszenierungen des Hausherrn liegt – nach meinem Empfinden – lustloses Kränkeln, schwindsüchtige Blässe. Irgendein Widerstand scheint Peter-Andreas Bojack vom Quell sprudelnden Lebens zu trennen, und so sind seine Sachen stets vornehm, aber langweilig; ausgetüftelt, aber unbeseelt. "Iphigenie auf Tauris" macht hievon keine Ausnahme. Weniger denn je vermochte ich der Aufführung zu folgen, und dieses Geständnis fällt mir um so schwerer, als Bojack die Inszenierung zwei Jahre lang mit sich herumgetragen haben soll. Bin ich nicht imstande, das gereifte Produkt intensiven Ringens aufzunehmen? Oder hat sich Peter-Andreas Bojack in Höhen verstiegen, in deren dünner Luft das Theater erstickt?

 

Tatsache ist jedenfalls, dass ich an dieser "Iphigenie" kaum etwas begriff. Schon der Zwischenvorhang war mir ein merkwürdig Ding. Schwarz auf weiss ranken sich Jugendstil-Lianen um ein Gartenbild, das zwei Frauen zeigt. Die eine schreitet aus dem Bild heraus, die andere wendet uns den Rücken zu. Warum zwei Frauen, wo im Stück nur eine vorkommt? Warum ein Garten, wo Goethe doch verlangte: "Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel"?

 

Die Fragen, die der Vorhang weckt, beantwortet die Aufführung nicht. Die Motive kehren auf der Szene nicht wieder. So führt diese Zusammenhanglosigkeit zu Irritation, und ich frage mich: Was hat zu diesem Vorhang geführt? Gedankenreiche Hintergründigkeit oder oberflächlicher Ästhetizismus?

 

Über der ganzen Bühne liegt jedenfalls ein Hauch geleckter Schönheit. Zwei Lotusblüten schwingen sich auf dem Prospekt empor (warum zwei?), vom Schnürboden (oder ist's der "Himmel"?) hängt ein halb verhüllter, goldener Schild, in dem drei Pfeile stecken (warum drei?).

 

In dieser rätselvollen Dekoration bewegt sich Iphigenie. Während sie spricht, wickelt sie sich in ein zehn Meter langes Stoffband von bischöflichem Rot. Und Thoas steckt in einem Samtumhang, violett wie Kardinalspurpur.

 

Zu dieser morbiden Schönheit kontrastiert die Wirklichkeit der Bühne in befremdlichem Mass. Da schnarrt – an der Premiere – die Rauchklappe im Sturm und übertönt die Darsteller. Da springt das Tonband mit vernehmlichen Klicken an. Orest steckt in Ledersandalen, die bei jeder Gewichtsverlagerung aufschreien. Iphigeniens Fuss verfängt sich in der Schleppe, und sie muss sich während des Monologs vorsichtig freimachen. Wenn Thoas um die Zuneigung der Jungfrau ringt, knarrt unter ihm der Bühnenboden, als hätte er Mitleid.

 

Keine Frage: All diese irdisch-kleinen Unzulänglichkeiten lenken vom hohen Sinn des Schauspiels ab. Aber warum? Litt ich an Konzentrationsschwäche? Oder mangelte es der Aufführung an Intensität?

 

Tatsache ist jedenfalls, dass ich dem Spiel mit wachsendem Unwillen gegenübersass. Ich betrachtete die Hände, die an den Armen der Schauspieler baumelten. Iphigeniens Finger schienen mit einer Nadel zu spielen. Oder mit einem Haar. Sie waren in ihr Geschäft versunken und hörten nicht, was der Mund der Darstellerin sprach.

 

Anders bei Thoas. Hier zuckte während der Rede die linke Hand, als wolle sie sich von irgendeiner Fessel befreien. Und dann suchte sie im Gewand des Königs eine Hosentasche. Es war aber keine da. – Solche Details gaben der Aufführung den Anstrich mangelnder Professionalität.

 

An der Quelle des Übels steht indes der Umstand, dass diese Inszenierung einem das Verständnis des Textes erschwert. Ich will gar nicht darüber streiten, ob es zulässig sei, sämtlichen Monologen Debussy-Musik aus dem Synthesizer zu unterlegen. Aber ich bin sicher, dass die Computerklänge der Verständlichkeit des Werks abträglich sind.

 

Denn was vom Tonband her erklang, war unvergleichlich viel schmeichelnder, stimmungsvoller als die Verse, die die Schauspieler aufsagten. Die Musik seufzte und säuselte. Die Darsteller aber sprachen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

 

Gleichgültig-seelenlos liefert Beatrice Maurer als Iphigenie ihren Part ab. Thoas (Raoul Serda) spricht einförmig-gequält. Pylades (Dominique Châtelet) zeigt aufgesetzten Eifer. Arkas (Klaus Aebersold) wirkt vornehm, vielleicht eine Spur zu unfrei. Orest (Beat Albrecht) ist nuancenreich, aber fragwürdig in der Mischung realistischer und pathetischer Töne.

 

Das bedeutet: Die fünf Darsteller bilden kein Ensemble. Sie haben ihre Sprechweise schlecht aufeinander abgestimmt, und die Luft zwischen ihnen vibriert nicht. So wächst in dieser Aufführung nichts zum Ganzen zusammen, sie geht in ihrer gleissenden Inkohärenz am Geist des Werks vorbei.

 

Denn Goethe war überzeugt: "Fasslichkeit ist eine Eigenschaft alles Vollkommenen in der Natur und der Kunst." An diesem Anspruch gemessen ist die Aufführung des Städtebundtheaters eine Pleite.

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