Die Panne. Friedrich Dürrenmatt.

Komödie.                  

Rudolf Kautek. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 5. Februar 1985.

 

 

Rauschender Schlussapplaus, einhelliges Lob: "Das Beste in dieser Spielzeit", konstatierte der Präsident der Jugend-Theater-Gemeinde (JTG). Und ein Mitarbeiter der Schweizerischen Theatersammlung erklärte: "Die Aufführung ist sehr präzis und qualitätsvoll. Sie übertrifft die vier Schauspielproduktionen, die ich in Bern gesehen habe." Kein Zweifel – Dürrenmatts Komödie dürfte zum Renner werden.

 

 

"Die Panne" ist ein Stück, bei dem nur das Publikum durchfallen kann. Oder der Kritiker: Wenn er vor der Schreibmaschine sitzt und in 100 Zeilen erklären soll, was Friedrich Dürrenmatt in Jahren und Jahrzehnten beharrlichen Nachdenkens zusammengebraut hat.

 

Denn der Sud, den uns der Alte vorsetzt, ist dreimal durch die Destilliermaschine gelaufen. Und was wir auf dem Theater bekommen, ist des Saftes Saft, die Essenz der Essenz, neunzigprozentiger Eigenbrand – nichts für kranke Mägen und schwache Köpfe.

 

Nach den Coca-Cola-Stücken, die das Städtebundtheater zu Beginn dieser Spielzeit gezeigt hat (ich denke an Eugene O'Neill und an Mary Chase) weiss man "Geistiges" doppelt zu schätzen, als "Eau-de-vie", als theatralisches Labsal, als ästhetische Wonne, als philosophischen Genuss.

 

Das Städtebundtheater spielt "Die Panne" in der "endgültigen" Fassung. Das heisst, es gibt noch andere – eben "vorläufige" – Fassungen. Ein Hörspiel zunächst, uraufgeführt (wenn ich mich recht erinnere) durch den Schweizerischen Landessender Beromünster.

 

Alfredo Traps, Textilreisender, hat eine Autopanne. Zum Glück ist eine Villa in der Nähe. Von dort aus kann er der Garage anrufen. Im Haus trifft er vier gemütliche ältere Herren. Weil sich die Autoreparatur verzögert, laden sie Traps zum Übernachten ein. Und zum Mitspielen: "Wir spielen unsere früheren Berufe. Wir spielen Gericht."

 

Es geht darum, das Verbrechen herauszufinden, das Alfredo Traps begangen haben könnte. "Im Spiel" natürlich. Befragung des Angeklagten. Plädoyer des Staatsanwalts. Und siehe da: Es kommt eine Leiche zum Vorschein. Der Chef des Vertreters ist unter dubiosen Umständen verschieden. Das Urteil: Schuldig. Hinrichtung durch den Strang. In dem Moment erwacht Traps. Das Ganze war nur ein Traum.

 

So etwa liefen die Dinge in der ersten Fassung der "Panne". Das makabre Ende wurde abgebogen ins Harmlose. Dann die zweite Fassung: eine Erzählung. Der harmlose Schluss ist weggefallen. Die Geschichte verläuft bruchlos und geradlinig vom Anfang bis zum Ende. Die Harmlosigkeit liegt diesmal in der Form.

 

In der dritten, "endgültigen" Fassung beginnt die Geschichte mit dem Schluss. Auf der Bühne steht der Sarg mit dem toten Traps. Und der Richter tritt an die Rampe: "Meine Damen und Herren. Ich bin der Schauspieler Götz Olaf Rausch." Man wolle die Statisten, die als Polizisten den Sarg abführen müssten, nicht bis zum Ende der Aufführung warten lassen. "Also nehmen wir das Ende vorweg. Und dann fangen wir an."

 

Ein Gag? Nein. Friedrich Dürrenmatt überwindet mit diesem Bruch die Harmlosigkeit der Form. Die Geschichte ist mehrschichtig geworden. Sie enthält auch zwei neue Figuren: Das alte taube Fräulein Simone als Karikatur der jugendlichen Hebe, die den unsterblichen Göttern auf dem Olymp den Nektar einschenkt. Daneben Justine von der Fuhr (man achte auf den Vornamen!), eine sinnlich aufreizende, aber philosophisch vertrackte Verkörperung der Gerechtigkeit.

 

Als Theaterstück hat sich "Die Panne" mithin neue Dimensionen zugeeignet. Sie umfasst Antike und Gegenwart, Eros und Thanatos. Aus dem harmlosen Hörspiel wurde ein abgründiges Weltgerichtsspiel.

 

Rudolf Kautek, den man hierzulande als routinierten, sachkundigen Regisseur schätzen lernte, hat der Komödie allerdings ein paar Zähne gezogen. Entscheidend: die Entschärfung des Anfangs.

 

Wäre der Text inszeniert worden, wie er dasteht, dann hätten die Bieler gesehen, wie sich die kesse Justine an den Polizisten heranmacht. Hinter dem Sarg zieht sie ihre Unterhöschen ab, legt sich aufs Leichenbehältnis und lässt sich vom Polizisten... (jaja, genau das!)

 

Der Skandal, den Kautek vermeiden wollte, ist nun zum Skandal der Inszenierung geworden. Warum? Weil die Bieler Aufführung das Stück verharmlost, die Substanz verwässert, den Sinn verfälscht. Sie hat es nicht verstanden, das Stück als Allegorie zu lesen – als Allegorie, die zeigt, wie die Gerechtigkeit mit dem Staat kopuliert. Oder auch als Allegorie, die das Thema von Eros und Thanatos einführt.

 

Anderseits hat Kautek mit seinem gewollt realistischen Missverständnis dem Stück auch geholfen. Die Situationen und Figuren waren saftiger und lebensvoller als in Dürrenmatts eigener Inszenierung, die vor ein paar Jahren auf Tournee ging. Gelernt ist eben gelernt...

 

Als Traps sah man Alf Beinell; für die, die diesen Schauspieler kennen, ist mit dem Namen schon alles gesagt. Was er zuviel hatte, das hatte Elisabeth Arno als Justine zu wenig. (Auch hier also: Keine Überraschung.)

 

Daneben aber ein Quartett von reifen, erfahrenen Mimen: Götz Olaf Rausch, Georges Weiss, Adolf Raschendorfer und Hans Schatzmann. Sie spielen locker und präzise – ich hoffe, man sieht darin keinen Widerspruch. Sonst kann man sich bei einer der nächsten Aufführungen selbst überzeugen. "Die Panne" wird noch bis Mitte März gezeigt. Zum Glück. Denn je öfter man diese Komödie sieht, desto mehr versteht man von ihr – und von der Welt...

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