Susanna. Georg Friedrich Haendel.

Oratorium.

Annegret Ritzel, Detlev Brinkmann. Städtische Bühnen Freiburg i.Br.

Radio DRS-2, Reflexe, 21. März 1985.

 

 

Wenn wir heute mit Haendel Mühe haben, dann liegt das an seiner Art, Welt und Menschen darzustellen. Haendel malt. Er sucht das Grosse, das Überwältigende. Sein Cembalospiel, sagte einmal ein Zeitgenosse, sein Cembalospiel habe "eine entsetzliche Überzeugungskraft". Und so gerät ihm die Welt zur Kulisse, die Handlung zur Staatsaktion, die Gebärde zur Pose, der Mensch zum Helden. Seine Kunst geht ganz auf Repräsentation aus, und zwar auf Repräsentation des Erhabenen. "Es scheinet", so definierte Johann Georg Sulzer, ein wenig nach Haendel, "es scheinet, dass man dasjenige Erhaben nenne, was in seiner Art weit grösser und stärker ist, als wir erwartet hätten; weswegen es uns überrascht und Bewunderung erwecket." Dieses Erhabene findet sich auch in der "Susanna".

 

(Musik)

 

Schon die Ouvertüre, die wir eben einspielten, zeigt, wes Geistes Kind Haendels Oratorium ist. Die Musik fliesst nicht, sie schreitet. Sie zeigt nicht Anmut, sondern Würde. Und sie verliert nie das Mass. Auch da nicht, wo sie sich heiter gibt.

 

(Musik)

 

Der gemessene Charakter der musikalischen Äusserung hängt natürlich mit Haendel zusammen. Aber auch mit der Gesellschaft, in der er lebt. Und mit der Gattung, für die er schreibt. "Das Oratorium", sagt Sulzer, unser Gewährsmann, "das Oratorium nimmt verschiedene Personen an, die von einem erhabenen Gegenstand der Religion, dessen Feier begangen wird, stark gerührt werden, und ihre Empfindungen darüber bald einzeln, bald vereiniget auf eine sehr nachdrückliche Weise äussern. Die Absicht dieses Dramas ist, die Herzen der Zuhörer mit ähnlichen Empfindungen zu durchdringen."

 

Nun aber haben wir Heutigen auch mit der Empfindung Mühe, die uns Haendel aufnötigen will. Es geht ums tugendsame Weib Susanna. "Die war", übersetzt Luther, "sehr schön und dazu gottfürchtig." Und weil sie so schön ist, erpressen sie zwei Alte, "Richter und Oberste im Volk", sich ihnen hinzugeben. Sie sagen: "Wir sind entbrannt in Liebe zu dir. Darum so tu uns unsern Willen. – Da erseufzete Susanna und sprach: Ich will lieber unschuldig in der Menschen Hände kommen, denn wider den Herrn sündigen." So wird sie dem Volk als Ehebrecherin ausgeliefert und verurteilt. "Und da man sie zum Tode führet", erzählt die Geschichte, "erwecket Gott den Geist eines jungen Knaben, der hiess Daniel. Der fing laut an zu rufen: Kehret wieder um. Denn diese haben falsch Zeugnis wider sie geredet." Und jetzt kommt Susannas Standhaftigkeit ans Licht. "Da fing alles Volk an mit lauter Stimm' zu rufen und preiseten Gott, der da hilfet denen, so auf ihn hoffen und vertrauen." Damit schliesst das apokryphe Kapitel zum Buch Daniel, und damit schliesst auch Haendel: mit dem Jubelgesang und Fanfarenton der Chöre.

 

Nur, dieses Ende macht die Schwierigkeiten für uns Heutige nicht geringer. Auch wenn es uns gelänge, die Geschichte mit gläubiger Hingabe anzunehmen, hätten wir doch mit den formalen Eigentümlichkeiten des Oratoriums Mühe. Das Libretto ist nachlässig verfasst; die Handlung mangelhaft verknüpft. Die Szenen sind statisch, nicht dramatisch.

 

Dieses schwierige, nie gespielte, sperrige Werk hat das Freiburger Theater auf die Bühne gebracht, obwohl ein solches Unternehmen auf Schritt und Tritt vor Gefahren steht. Macht der Regisseur nichts, besteht die Gefahr der Langeweile. Macht er zuviel, besteht die Gefahr des hohle Pathos. Oder die Gefahr der leeren Geschäftigkeit. All diesen Gefahren jedoch ist die Regisseurin Annegret Ritzel in Freiburg nicht erlegen. Weil es ihr gelang, sich mit dem Werk ins Verhältnis zu setzen. Und weil es ihr gelang, seine Tiefenstruktur mit eminentem Gespür an die Oberfläche zu bringen. Wie das Annegret Ritzel gemacht hat, möchte ich an einem Element ihrer Aufführung zeigen, dem Bühnenbild von Detlev Brinkmann. Wenn der Vorhang aufgeht, blicken wir auf einen sanft geschwungenen, blumigen Rasenteppich. Auf ihm sind grosse, weisse Tücher zum Trocknen ausgelegt. Im Mittelgrund stehen die Arbeitsinstrumente von Susannas Mann: Spinett und Harfe. Er ist eben Komponist.

 

Und nun achte man einmal auf die Vielschichtigkeit dieser Dekoration. Sie ist schön. Das ist die erste, die ästhetische Schicht. Dann aber evoziert sie für den Gebildeten den "locus amoenus", den lieblichen Hain. Das ist die zweite Schicht, die mythologische. Die Wäsche, die auf dem Boden ausgelegt ist, verbirgt die Wölbungen der Natur, so wie Susannas weibliche Rundungen von weissem Stoff züchtig verhüllt werden. Das ist die dritte Schicht: die allegorische. Spinett und Harfe, die in die Landschaft gestellt wurden, symbolisieren die Vereinigung von Natur und Kunst. Die vierte Schicht zeigt also den idealischen Zug des Ganzen, und sie fixiert damit das geistesgeschichtliche Datum des Oratoriums.

 

Auf diesem vielschichtigen Hintergrund agieren die Personen im Stil ihrer Zeit; graziös, mit bedeutsamen Verlangsamungen, die immer wieder zum Bild gerinnen, das sich gleichsam von der Szene loslöst und auf der Netzhaut des Betrachters haften bleibt. Und so zeigt uns die Freiburger Inszenierung nicht nur ein selten gespieltes, schwieriges Werk; sie führt uns auch zur Begegnung mit einem alten, beinahe ebenso vergessenen Phänomen: dem Phänomen der Schönheit. Und das mutet uns Heutige unversehens erhaben an. "Weil es uns überrascht", sagte Sulzer, "und Bewunderung erwecket."

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