Im Herbst schreien die Krähen anders. Manfred Züfle.

Komödie.                  

Alex Freihart. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 3. April 1985.

 

 

"Keine Pause", steht im Programmheft, und das ist vielleicht das Schlimmste an der neuesten Uraufführung. Denn wer einmal im Theater sitzt, kann sich dem Gewirr nicht mehr entziehen, das auf ihn zukommt: Manfred Züfles Stück ist eine Komödie und zugleich ein Weltanschauungsstück. Eine Darstellung der "midlife crisis" und zugleich eine Gesellschaftsanalyse. Ein Stück über die Daseinsleere und ein Lehrstück. Und all das, wie gesagt, ohne Pause.

 

Der eigentliche Inhalt des Stücks ist klein, sehr klein. Im Walde steht leer und einsam ein Haus – vermutlich eine Gangstervilla. Die Tür ist mit einer Selbstschutzanlage gesichert. Eine geheimnisvolle Telefonleitung schafft die Verbindung zu den Aussenstellen, die sich von Zeit zu Zeit melden und fragen, ob "das Ding" durchgeführt werden könne.

 

In dieses leere Nest dringen nun Einbrecher - aber man sieht gleich, es sind keine "Bösen": Lachend stemmen sie die Fensterläden auf, purzeln ins Zimmer, küssen und umarmen sich. Theodor und Jolanda, so heissen die Eindringlinge, sind verliebt ineinander. Das Haus haben sie zufällig mal entdeckt, und nun wollen sie ihre Freunde darin so bewirten, dass es ihnen den Atem verschlägt.

 

Aber die Eingeladenen (zwei jüngere Pärchen) sind nicht in bester Laune. Man quält sich durch den Abend mit lustlosem Blödeln und Diskutieren. Um Mitternacht wird der Tisch gedeckt, und noch immer warten die Freunde (und Zuschauer) auf einen Höhepunkt; vergebens.

 

Der Jüngste beschleunigt nun die Sache, indem er sich auszieht und Matratzen ins Zimmer schleppt. Aber so richtig geil wird die Sache trotzdem nicht. Jedes schläft in seiner Ecke ein, und im Morgengrauen brechen alle nach einem Katerfrühstück wieder auf. Ende der Komödie.

 

Aber an dieser Kleinheit liegt's nicht, dass die Uraufführung im Städtebundtheater durchfiel. Es gibt in der Weltliteratur Komödien, die inhaltlich nicht mehr bieten. (Ich denke an den "Kirschgarten" von Tschechow oder an "Warten auf Godot" von Beckett.) Eine Gangstervilla, in die ehrliche Leute einbrechen, das ist gar nicht so übel. Aber Manfred Züfle hat nicht genug daraus gemacht, er hat seinen Einfall nicht mit glücklicher Hand weitergetrieben. Es fehlt an Übersichtlichkeit, an Akkuratesse der Linien, an Bestimmtheit.

 

Es liegt zufällig ein alter Plan von Wien neben mir, an dem ich vielleicht am besten zeigen kann, was ich meine. Das alte Wien ist nur klein, nicht grösser als jede der acht Vorstädte, die sich darum herum gruppieren; aber es liegt nicht nur fest und unerschüttert in der Mitte, es liegt auch klar darin. Und wir sehen mit aller Deutlichkeit den "Ring", der das Mittelstück vom Kranz der Vorstädte trennt. Und andererseits, so klar und bestimmt wir diesen trennenden Zirkel erkennen, so klar und bestimmt erkennen wir wieder die Radien, die von den Peripheriestücken aus zum Mittelstück führen.

 

So der Plan von Wien, aber nicht so das Stück von Züfle. Dieses gleicht vielmehr einer geologischen Karte, auf der in bunten Farben allerhand Gesteine angedeutet werden: Granit und Tonschiefer und Grauwacke. Ach, namentlich Grauwacke. Die roten und gelben Flächen laufen hierhin und dorthin, alles bunt durcheinander. Und dieses Durcheinander ist es, was das neue Stück und die geologische Karte miteinander gemein haben.

 

Dass auch das beste Theater aus einem solchen Stück nichts Sehenswertes mehr machen kann, ist klar. Und so lassen sich die Sätze als Entschuldigung deuten, die der Regisseur ins Programmheft setzen liess: "Ich wende mich bei einer Uraufführung entschieden gegen eine dramaturgische Einmischung. Wesentlich ist für mich, dass das Stück beim ersten mal so eindeutig wie möglich – wie der Autor es geschrieben hat – auf der Bühne gezeigt wird."

 

Das hat Alex Freihart geschrieben, vermutlich in bester Absicht. Jetzt aber, wo das Stück in allen Zeitungen durchgefallen ist, sieht es so aus, als wasche sich da einer zum voraus die Hände in Unschuld: Bitte, ich kann nichts dafür, dass die "Komödie" nicht über die Rampe kommt. Ich habe lediglich inszeniert, was der Autor verlangte.

 

Nur, damit ist das Städtebundtheater nicht entschuldigt. Warum hat es den Autor nicht veranlasst, sein Stück umzuschreiben? Warum hat es ihm nicht dabei geholfen? Und warum hatte es – im Weigerungsfall – nicht den Mut, die Aufführung abzusetzen? Sicher, im Rahmen einer "werktreuen Interpretation" hat sich das Theater Mühe gegeben, soweit in unserem Fall Mühe überhaupt noch genügt: Züfles flache Figuren erhalten durch Körperhaltung, Stimme, Blick- und Gebärdenführung ein bisschen mehr Rundung. Und mit ihrem Einsatz versuchen die Schauspieler, das Ganze ein bisschen anziehender zu machen. Bloss, wo die Anatomie nicht stimmt, da hilft auch keine Schminke...

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]