Das Glas Wasser. Eugène Scribe.

Komödie.                  

Franz Matter. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 4. Mai 1985.

 

 

Fragt man das Theaterlexikon, erhält man folgende Auskunft: "Eugène Scribes Erfolg beruhte auf dem Talent, aus dem Nichts eine spannende dramatische Handlung zu entwickeln, wie das sinnfällig die heute noch gespielte historische Intrigenkomödie 'Das Glas Wasser' demonstriert." – Dieses unterhaltsame "Nichts" brachte das Städtebundtheater zum Saisonschluss noch auf die Bühne.

 

Schlägt man das Programmheft auf, zeigt die erste Seite eine Karikatur: Eugène Scribe in seiner Schreibstube. Am Boden liegen Notenbündel und prallgefüllte Geldsäcke. Und hinter dem Pult türmt sich Schublade auf Schublade. "Esprit No 1" heisst eine. Auf der andern steht: "Esprit No 2". Daneben gibt es Schubladen für Wortspiele, für Effekte, für komische Situationen, für Bonmots, für "Dénouements". Und auf dem Pult steht eine Apothekerwaage.

 

Das Bild sagt alles: Mit seinen vierhundert Stücken ist Scribe ein reicher Mann geworden. Obwohl er nicht Dichter war, sondern Apotheker. Aus Vorfabriziertem mischte er die Dramen zusammen: ein Gramm Verwicklung, ein Gramm Pikanterie, ein Gramm Beobachtung. Die Wirkung des Ganzen liess sich ziemlich genau vorausberechnen. Auch die Rendite.

 

So wurden die Stücke von Scribe im Guten und im Schlechten zum Inbegriff der "pièce bien faite". Im Guten: Die Arbeit ist solid. Die Masse stimmen. Die Winkel sind im Lot.

 

Im Schlechten aber bedeutet "pièce bien faite": Die Situationen sind konstruiert, und den Figuren fehlt das Leben. Darum fühlst du dich am Ende einer solchen Aufführung auch leer. Dir wurde wohl die Zeit vertrieben; aber du hast nichts dafür bekommen; nichts zum Aneignen, zum Heimnehmen, zum Weiterdenken.

 

Auf den ersten Blick möchte man zwar meinen, es gehe im "Glas Wasser" um Wesentliches; etwa darum, die Maschinerie der Macht zu entlarven; zu denunzieren, wie ihre Abkommen zustandekommen.

 

Aber in Wirklichkeit interessierte sich Scribe nicht für Politik. Er trug lediglich der Tatsache Rechnung, dass sich Stücke besser verkaufen, wenn sie dem Vorstadtpublikum "Hofluft" zutragen. (Heute haben wir die "Neue Post".) Daneben aber mischt sich, nach altbewährtem Rezept, Liebe mit Intrige, Hoffnung mit Bangen, Tücke mit Ehrlichkeit. Und wir Guten geraten vom Entzücken ins Staunen, vom Lachen zur Verachtung, von der Angst zur Erlösung. Gefühl ist alles. – Müsste ich mit einem Wort umschreiben, was "Das Glas Wasser" ist, würde ich sagen: "Dynasty" des neunzehnten Jahrhunderts.

 

Dieses Stück nun hat das Städtebundtheater auf die Bühne gebracht. Es unterhält. In der Fassung von Georg Kreisler und Boy Gobert gibt es viel Musik. Sie macht das Zuhören angenehm und stört niemanden. Unterhaltungsmusik also.

 

Man vergisst dabei fast, dass man das Ganze auch kritisch hätte sehen können. Und dass Franz Matter – hätte er das Original inszeniert – uns zur Distanz hätte nötigen können. Wir hätten uns dann vielleicht überlegt, warum uns das Stück so vieles verschweigt. Warum es nicht zeigt, welche Motive die Mächtigen wirklich haben. Und warum die Menschen seit 1840 immer wieder auf Scribes Verharmlosungen hereingefallen sind. Zu solchen Überlegungen hätte man führen können, und vielleicht hätten wir uns trotzdem nicht gelangweilt. Denn wozu sind Schauspieler sonst Künstler?

 

In Biel jedoch beschränkte man sich auf das, was da ist. Man zeigte es recht, aber man zeigte nicht mehr. Wenn eine Szene – sagen wir: "zwei Tage später" spielt als die frühere, dann tragen die Schauspieler wohl ein verändertes Kostüm. Aber ihr Gesicht bleibt dasselbe. Ihre Haltung die alte. Das, meine ich, ist "brav", aber nicht inspiriert.

 

Natürlich gibt es Abstufungen. Gerda Zangger zum Beispiel war schlicht bravourös. Als sie auftrat, vergass das vollbesetzte Haus zu atmen. Denn Frau Zangger spielte so, wie man eben spielt, wenn man den Höhepunkt seiner Kunst erreicht hat: mit vollkommener Beherrschung seiner Ausdrucksmittel.

 

Nicht minder herzlichen Applaus durfte Günter Wissemann entgegennehmen. Er war – im Stück und auf der Bühne – Frau Zanggers Gegenpol. Führte sie ihre kunstvoll abgestuften Nuancen vor, so zeigte er einfache Natürlichkeit. Vielleicht wurde seine Figur dadurch zu harmlos – aber dieses Kapitel haben wir schon gestreift.

 

Die Überraschung des Abends war für mich Elisabeth Arno. Es schien, als sei "Königin Anne" die Rolle ihres Lebens. Kann man diese Finessen noch einstudieren: diese sensible Vibrieren, dieses beseelte Leuchten, diesen fast altjüngferlichen Charme?

 

Bettina Kuhn, Rudolf Haas, Aldo Huwyler und Herbert Boss rundeten das Ensemble ab, mit ansprechenden Leistungen.

 

Und jetzt? Ist "Das Glas Wasser" eine Besuch wert oder nicht? Schwer zu sagen. Die Aufführung ist eine gute Visitenkarte für das, was das Städtebundtheater zu leisten imstande ist. Sie führt an die Grenze dessen, was man in einem Haus dieser Grösse "machen" kann. Erwarten aber müssen wir mehr.

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