I Puritani. Vincenzo Bellini.

Oper.

Gilbert Deflo. Bregenzer Festspiele.

Radio DRS-2, Reflexe, 25. Juli 1985.

 

 

Bellini, das ist für uns soviel wie Belcanto. Und bei Belcanto

 

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denken wir sofort an die Stimmakkrobatik der italienischen Oper mit ihren feinziselierten Fiorituren, Rouladen, Läufen, Trillern und Koloraturen.

 

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Die Wahnsinnsarie war das, aus den "Puritanern", gesungen, oder besser gesagt: geträllert und gezwitschert vom Star des Abends, Ks. Edita Gruberova von der Wiener Staatsoper. Die "Weltmeisterin der Koloratur" hatte mit den Läufen, die Bellini verlangt, keine Schwierigkeiten. Dass sie eine Wahnsinnsarie zu spielen hatte, zeigte sie mit melancholisch geneigtem Kopf, halbgeschlossenen Augen und einem gefrorenen Irrenhäuslerlächeln. Was sie zeigte, drückt die Musik nicht aus, aber was will man machen bei dieser konventionellen Komposition? Das Es-Dur-Andantino am Anfang der Arie geht über in ein marschartig beschwingtes Allegretto, das in Ausdruck und Machart schablonenhaft bleibt.

 

Es ist auch nicht diese Arie, die als "Wahnsinnsarie" in die Operngeschichte einging, sondern die Arie der Lucia di Lammermoor, die Donizetti 1835 komponierte, im selben Jahr, in dem unsere "Puritaner" entstanden. Die "Lucia" blieb. "Die Puritaner" aber, obwohl sie auch einen englischen Stoff haben, und obwohl sie auch romantisch sein wollen, sie konnten sich nicht halten.

 

An diesem Schicksal ist das Libretto mitschuldig. Die Motive, die es dem Komponisten liefert, sind alles andere als ausgesucht. Es geht um Liebe und Eifersucht, Flucht und Wahnsinn, Abschied und... Happy-End.

 

Der Held steht schon auf dem Schafott, da kommt der reitende Bote des Königs und bringt die Begnadigung. In Bregenz trabt ein unruhiger Apfelschimmel auf die Bühne, er schnaubt und stösst und bockt, und der Effekt, den die Oper setzen wollte, ist hin. Ach ja, und da gibt es noch die Hunde, die im Fackelschein über die Bühne jagen...

 

(Ton)

 

Man vergisst dabei fast, aber eben nur fast, wie armselig die Partitur strichweise ist.

 

(Musik)

 

Der 85jährige Verdi schrieb: "Bellini ist ärmlich in der Instrumentation und in der Harmonie, das ist wahr. Aber er ist auch reich an Gefühl und von einer nur ihm eigenen Melancholie. Schlecht instrumentiert, aber niemand hat je etwas Schöneres, Himmlischeres gemacht." – Und Bellini hat den Sängern auch einiges zugemutet.

 

(Musik)

 

Die Auftrittsarie des Arturo beginnt ohne Rezitativ und gehört daher zu den gefürchtetsten Auftrittsarien der Opernliteratur. Aus dem Stand heraus muss der Sänger nach vier Minuten ins hohe Cis.

 

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In Bregenz schuf das Salvatore Fisichella. Kein samtweicher Tenor, sondern eine harte, metallische Stimme, die schon ein bisschen verbraucht ist und der in den Kraftakten die Schweisstropfen auf die Stirne treten.

 

Als Regisseur verbeugte sich am Schluss der Oberspielleiter der Brüsseler Oper, Gilbert Deflo.

 

(Ton)

 

Gilbert Deflo lässt die Sänger in Ruhe; das kann man zu seiner Verteidigung sagen. Und er lässt die Hälfte der Oper vor geschlossenem Zwischenvorhang spielen. Damit lenkt die Inszenierung nicht von der Musik ab. Der Unterschied zur konzertanten Aufführung liegt jetzt darin, dass die Sänger in Bregenz kostümiert sind und auswendig singen.

 

Für einzelne Szenen hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf ein wundervoll ausgeleuchtetes Tableau mit dem leider brustschwachen Chor der Wiener Volksoper. Raffiniertes Clair-obscur und bemooste Burgmauern entzücken das Auge. Dann senkt sich der Vorhang wieder und verdeckt wie ein milder Schleier die Einfallslosigkeit des Komponisten, des Librettisten und des Regisseurs.

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