Lulu. Alban Berg.

Oper.

Daniel Schmid, Erich Wonder. Grand Théâtre de Genève.

Radio DRS-2, Reflexe, und Sender Freies Berlin, 11. September 1985.

 

 

Alle Opern, die ich kenne, behandeln nur zwei Themen: Entweder geht es um Macht, oder es geht um ausserehelichen Beischlaf. "Lulu", die man so gern als Schlüsselwerk des modernen Musiktheaters bezeichnet, bestätigt diese These in äusserster Zuspitzung. Alle Männer, die der Schönheit Lulus verfallen, lassen ihretwegen Frau, Kind, Geliebte im Stich. Nur ein Ziel kennen sie noch: Lulu zu haben und ihr zu gehören. Doch kaum ist das erreicht, kommt auch schon das zweite Thema zum Tragen: die Macht. Wer Lulu besitzt, will sie auch benützen, um nach oben zu kommen, Karriere zu machen, die Konkurrenz zu verdrängen. So dient sie dem Maler als Modell, dem Opernkomponisten als Sujet, dem Athleten als Rummelplatzattraktion. Darin zeigt sich die Ambivalenz von Lulu. Sie ist himmlische Geliebte und unbeseeltes Werkzeug. Und indem davon erzählt wird, reduziert sich die Oper auf ihre elementaren Bestandteile: auf ausserehelichen Beischlaf und Macht, Liebe und Tod. Denn Szene für Szene, Akt für Akt ereignet sich die gleiche Geschichte. Sie fängt an mit der Verführung, der Werbung, dem süssen "Komm!", und die Geschichte endet mit Gewalt, blinder Aggression, dem Tod.

 

(Musik)

 

In gleicher Weise, wie sich das Drama reduziert auf die Bestandteile der Oper, reduziert sich die Partitur auf die Bestandteile der Musik. Sie fusst auf der Zwölfton-Technik, und hinter jeder thematischen und satztechnischen Erfindung steht eine Reihe. Gleichzeitig aber gelingt es Alban Berg, mit Hilfe komplizierter Kunstgriffe, für die verschiedenen Figuren den vielfältigsten Ausdruck zu gewinnen, den Eindruck von Reichtum und organisch gewachsener Schönheit herzustellen.

 

(Musik)

 

Diesen Gegebenheiten gibt das Bühnenbild vollkommen Ausdruck, das Erich Wonder für das Genfer Grand Théâtre geschaffen hat. Wie die Musik bietet es tausendfachen Reiz und subtilste Veränderung. Und dabei ist die Grundkonzeption denkbar einfach. Wonder inspirierte sich an den Paternoster-Aufzügen, die nie anhalten, sondern in ständiger Bewegung auf- und niedersteigen und an den Wendepunkten Estrich und Keller durchfahren. Und Estrich und Keller werden ihrerseits zu Symbolen von lichtvollem Höhepunkt und gottverlassenem Abgrund. So evoziert der Aufzug in der Genfer Aufführung das Weltenrad, das auf- und niedersteigt, und er macht anschaulich, wie alles vergeht und verfliesst wie die Zeit.

 

Damit stimmt die Inszenierung von Daniel Schmid von innen her. Die Menschen bewegen sich auf einer Liftplattform, und die Liftplattform bewegt sich mit den Menschen. Es gibt da kein Halten – und genau in diesem Umstand liegt auch das Geheimnis der Lulu. Sie lässt sich nicht halten. Das macht ihre Anziehungskraft und ihre Bedrohlichkeit aus.

 

Patricia Wise spielte in Genf die Titelfigur. Ein Rollendebut, wie bei allen andern Sängern in diesem wundervoll homogenen Ensemble. Sie spielte das merkwürdige Weib, indem sie es unscheinbar gab. Eine Konzeption, die überzeugt. Die Schönheit Lulus, die alle betört, wurde damit kenntlich gemacht als das, was sie ist: eine Projektion. Die Sehnsucht der Männer verleiht der Frau den Schein der Schönheit. An der Premiere in Genf gab es für diese Aufführung rauschenden Beifall, der sich beim Erscheinen von Patricia Wise zur Ovation steigerte.

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