Le Voyage dans la lune. Jacques Offenbach.

Operette.

Jérôme Savary. Grand Théâtre de Genève.

Radio DRS-2, Reflexe, und Sender Freies Berlin, 13. Dezember 1985.

 

 

(Wort)

 

Das ist die Geschichte, erzählt vom Regisseur Jérôme Savary: Von der Erde zum Mond und wieder zurück. In vier Sätzen ist sie erzählt, diese Geschichte. Will man sie aber zeigen, auf der Bühne vorführen, dann umfasst die reine Spieldauer dreieinhalb Stunden. Ein Missverhältnis also. Ein Missverhältnis zwischen Bühnengeschehen und dramaturgischem Kern.

 

(Wort)

 

Wegschneiden also. Und die Truppe auf Tempo bringen. Jérôme Savary meint, bis zur Derniere am 2. Jänner werde die Aufführung noch weitere 15 Minuten abspecken. Er rechnet mit Einschleifmechanismen. – Man sieht: die Probleme, die den Regisseur bei diesem Stück beschäftigen, sind nicht psychologischer Natur. Es geht nicht um die Charakterzeichnung der Figuren. Um soziologische Milieustudien. Oder um tragische Verhängnisse. Sondern die Probleme liegen auf der Ebene des Revuetheaters: Wie mache ich die Zuschauer vergessen, dass die Handlung nicht vorwärtskommt? Bei Savary gibt's alle Viertelstunden eine neu Dekoration, alle acht Minuten einen neuen Auftritt und alle drei Minuten einen Gag.

 

(Wort)

 

Für den Regisseur sind solche Stücke interessant. Er kann sein handwerkliches Können einsetzen und die Tauglichkeit seiner Gags überprüfen.

 

(Wort)

 

Jérôme Savary. Mit "Le Voyage dans la lune" hat er eine Riesenmeringue aus Zuckerrahm und gebackenem Eierschnee zubereitet: 70 Prozent Luft, 20 Prozent Zucker, 10 Prozent Eiweiss. Eine Theatermahlzeit, die nur aus einem Gang besteht: dem Dessert. Und das löffelt Savary seinem Publikum ein, Akt für Akt, Szene für Szene, Gag für Gag. Drei Stunden lang nichts als Luft, Zucker und steifgeschlagenes Eiweiss. – Indes, auch solche Einseitigkeit hat ihren Grund. Und dieser Grund liegt im 19. Jahrhundert. 1873 übernimmt Jacques Offenbach das "Théâtre de la Gaité" in Paris.

 

(Wort)

 

Jakob Knaus. Der Aufwand ist derart kostspielig, dass ein einziger Durchfall genügt, um Offenbach den Hals zu brechen. 1874, ein Jahr nach Übernahme des Theaters, macht er Konkurs. Er verliert dabei sein ganzes Vermögen. Seine Autorenrechte werden auf Jahre hinaus verpfändet, seine Villa in Etretat vermietet. Um die Schulden abzutragen, nimmt sich Offenbach ein unmenschliches Arbeitspensum vor. Im Moment, wo er sich den ersten Akt zur "Reise in den Mond" abzwingt, schreibt er gleichzeitig am zweiten Akt von "La Créole" und am dritten Akt von "La Boulangère".

 

(Wort)

 

Ein mörderisches Pensum. Man merkt's der Musik allerdings auch an. Im "Voyage dans la lune" sind die Melodien auswechselbar, die Einfälle zerdehnt. Oft liefert die Partitur nur noch den rhythmischen Teppich für die Bewegungen von Chor, Tänzern und Figuranten. Kein Wunder, wurde von diesem Werk keine einzige Nummer populär. Es wurde übrigens auch nie ein Takt auf Schallplatte aufgenommen. Offenbach schrieb aus Geldnot, und er schrieb unter Zeitnot. Als er mit dem "Voyage dans la lune" ans Ende kam, war er so erleichtert, dass er vergass, ein Finale zu komponieren. In Genf behilft man sich daher mit einem Cancan aus einem andern Werk. – Wer aber die Riesenmeringue vom Grand Théâtre hinunterdrückt, der kommt nicht auf den Gedanken, dass sich der Konditormeister seinerzeit mit Brot und Salz begnügen musste.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]