L'Orfeo. Claudio Monteverdi.

Oper.

Michel Corboz, Claude Goretta. Grand Théâtre de Genève.

Sender Freies Berlin, 24. März 1986.

 

 

"Orfeo", dieses Meisterwerk an Subtilität und filigraner Schönheit aus den Anfängen der Operngeschichte, "Orfeo" auf die Bühne zu bringen, ist noch heute für die Schweizer Theater ein Wagnis. Denn jeder Musikfreund und Kritiker hat hierzulande noch die beispielgebende Aufführung vor Augen und im Ohr, mit der Nikolaus Harnoncourt und Jean-Pierre Ponnelle vor zehn Jahren den legendären Zürcher Monteverdi-Zyklus eröffneten. Eine Schallplatte, ein Film und eine Reihe von Gastspielen waren die Frucht dieser neuen Bemühungen um einen alten Meister. Ponnelle hatte Monteverdi der Renaissance entrissen und für den Barock in Anspruch genommen. Und Harnoncourts Interpretation öffnete plötzlich Welten: Wir sahen, was für ein Reichtum in dieser Barockoper steckt, und wir staunten, wie die unscheinbarste Gebärde von der Szene aufgenommen und im Orchester fortgesetzt wurde. Das war 1975.

 

Jetzt ist der Bann gebrochen. Die Genfer Oper hat den "Orfeo" zehn Jahre nach Zürich auf den Spielplan gesetzt und zur Aufführung gebracht. Das allein machte schon das halbe Ereignis. Was aber der Genfer Premiere vollends die Aufmerksamkeit der Musikwelt sicherte, war das leitende Team. Denn immerhin, die Inszenierung lag in den Händen von Claude Goretta; jenem Filmemacher also, der 1973 für "L'Invitation" in Cannes den Preis der Filmkritik erhalten hatte. 1983 wurde, ebenfalls in Cannes, "La Mort de Mario Ricci" ausgezeichnet, für die beste Schauspielerleistung. 1985 verfilmte Claude Goretta in der Cinecittà zu Rom den "Orfeo" – und nun gab der Filmregisseur sein Debut auf dem Operntheater. "Wie macht er's?", das war die Frage, in die sich hohe Erwartungen mischten. Denn immerhin, die musikalische Leitung lag in den Händen von Michel Corboz, der für den "Orfeo"-Film die Tonspur eingespielt und auf CD beim Label Erato herausgebracht hat – ein Einspielung von seltener Klugheit und Differenziertheit, deren Vorzüge nun im Genfer Opernhaus wiederzufinden waren.

 

Wie stets bei Corboz durchglüht ein intensiver Gestaltungswille die Partitur, und in der Phrasierung verfolgt der Barockspezialist die feinsten Nuancen im Ablauf des Dramas. Besonders eindrücklich der Moment, als Orpheus vernimmt, dass Eurydike gestorben sei. Auf die Nachricht folgen schmerzhaft lange Generalpausen. Dem Tod antwortet die Stille. Und dann, ganz langsam und verhalten, steigt in Orpheus der Schmerz auf. Kein Gesang ist's, was man da hört, sondern bloss ein leises Stöhnen.

 

Michel Corboz dirigiert hier ganz bewusst gegen die Tradition: Gegen die Operntradition des 19. Jahrhunderts, die den Moment der Erschütterung mit Fortissimo-Ausbrüchen zu unterstreichen suchte; und er dirigiert gegen die Tradition des Genfer Grand Théâtre, indem er das Pianissimo bis an die Grenzen des Hörbaren treibt und damit das Publikum zwingt, mit gespannter Aufmerksamkeit die musikalische Entwicklung zu verfolgen.

 

Der Konzentration aufs musikalische Geschehen hat Claude Goretta keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Der Filmregisseur zeigte eine Inszenierung der einfachen Schlichtheit und verweigerte sich der Augenlust. "Warten auf Godot" schien den Bühnenbildner inspiriert zu haben, wo die Szenenanweisung sagt: "Landstrasse. Ein Baum. Abend." Von vergleichsweiser Kargheit war die Dekoration in Genf. Zwei Hügelzüge begrenzten den Horizont, auf dem sich wechselvolles Licht in zartesten Abstufungen brach. Schön, klar, asketisch – so hatte es der Regisseur im Sinn. Den Zuschauer aber erinnerte die Schlichtheit an die Bayreuther Praxis der Fünfzigerjahre. Damit war die Oper, die Goretta gern in einer orts- und geschichtslosen Ubiquität angesiedelt hätte, unversehens doch wieder zeitlich und örtlich fixiert. Die angestrebte Einfachheit fiel zusammen mit konventioneller Opernsimplizität.

 

"Orfeo" in Genf also war kein Ereignis, sondern bloss eine schöne, musikalisch überzeugende Aufführung. Ihr Verdienst: Sie hat den Bann gebrochen, der bisher über dem "Orfeo" lag. Neben der epochalen Zürcher Produktion sind nun auch wieder Aufführungen möglich, die dem Herkömmlichen entsprechen. Das ist fürs Opernrepertoire der Schweizer Theater ein Gewinn.

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