Tannhäuser. Richard Wagner.

Oper.

Horst Stein, Matha Galwin. Grand Théâtre de Genève.

Radio DRS-2, Reflexe, 30. April 1986.

 

 

Vier Gründ sy tschuld, dass die Premiere i die lokali Operegschicht ygeit. (1.) Ds Genfer Premierenpublikum, wo schüsch dahocket wien es Pfund Schnitz, das Publikum het sage und schreibe füfehalb Minute applaudiert – en Ovation, wien i se i de letzte Jahr im Grand Théâtre no nie erläbt ha. (2.) Es isch no nie vorcho – ömel sowyt i mi ma bsinne, dass en Anfänger sys Regiedebüt im Grand Théâtre het dörfe gä. Schüsch het öpper geng uf irgend eme andere Gebiet scho müesse Pünkt gsammlet ha, syg's bim Schauspiel, bim Film oder bim ene chlyne Theater. Der Debütant isch dasmal 23gi gsy: der jüngst Regisseur vo der Genfer Operegschicht überhaupt. (3.) Dä Regisseur chunnt us Kalifornien u heisst Martha Galwin – es isch also e Frau. Als Assistentin vom Ken Russel isch sie vor zwöine Jahr uf Genf cho, u sie het d Produktion vom "Tannhäuser" überno, wo der Russel der Bättel het häregheit. (4.) Wo d Martha Galwin isch vor e Vorhang cho, het ds ganze Parkett gschlosse buhet. – Die vier Pünkt mache us em Genfer "Tannhäuser" es ussergwöhnlichs Ereignis, wo's wärt wär, dass me ou vom Wäsentlichere redt, zum Byspiel vor Elisabeth Connel, wo als Elisabeth punkto Stimmschönheit, Bühnepräsenz u Gebärdefüehrig ds Wunder isch gsy. Sie het gstrahlet. – D Martha Galwin aber het mer leid ta. Wo sie isch vor e Vorhang cho u d Wälle vor Ablehnig uf sie losdonneret isch, da isch ihres Gsicht zämegheit, u me het derhinter die persönlichi Tragödie gspürt. Aber wie's so geit, es isch ere nid erspart bliebe, sich no einisch müesse z zeige, dasmal mit de Soliste, u wieder isch ds gnadelose Buhe losgange, so dass sie d Sänger ganz verläge het agluegt, wie wenn sie wett säge: "Syt mer nid bös, i bi tschuld!"

 

U derby, was het d Martha Galwin verbroche? Sie het als Debütantin es paar handwerklichi Fähler gmacht, u sie isch nid ir Lag gsy, ihri Darsteller sicher z füehre; aber das isch me sich vo andere Operehüser gwahnet, sogar vo Genf. Dernäbe het sie es paar gueti Idee gha, u vor allem: sie het der Muet gha, se nie z verwässere.

 

D Martha Galwin het zum Bispiel im Venusberg am Afang vor Opere der ganz rosarot Kitsch wägglah, wo der Wagner vorschrybt, u gstriche het sie ou d Sex-Gymnastik mit de "Najaden", "Grazien", "Jünglingen" und "Nymphen". Im Rych vor Sinnlichkeit also laht sie d Askese walte. D Venus schwebt halb entrückt in dere Chugele über der Bühni; der Tannhäuser isch nümm "vor ihr, das Haupt in ihrem Schosse, halb kniend". Sondern är luegt zunere uf, wie uf ne Vision. Är het ja ou nume der Schleier vor Venus i syne Arme, u nid ds Fleisch. Äbe: Askese statt Sinnlichkeit, Ybildig statt Realität.

 

Anders ds 2. Bild. Der Pilgerchor isch nid e militärisch-strammi Einheit, wo im Glychschritt über d Bühni tuet "walle".  Sondern är isch ufglöst in e zämegwürfleti Schar vo Mönsche, Manne, Buebe, Greise, jede mit eme andere Bräste, jede mit eme andere Humple, ere andere Gebärde. Ds Bild, wo sie darstelle, het me scho gseh. Der Breughel het's gmale, unter dem Titel: "Das Gleichnis von den Blinden". Hie also, u nid im Venusberg, isch d Inszenierig sinnlich. Es isch d Sinnlichkeit vom Leid, wo vorgfüehrt wird, ds Leid vor Sinnlichkeit, also: ds Thema vom "Tannhäuser" – aber dert, wo's keine erwartet.

 

Im letzte Bild chöme de d Bettler wieder zrügg. Sie hei z Rom bim Papst Befreiig gfunde. U jetz marschiere sie uf, i Viererkolonne, alli kräftig und ufrächt, u d Gsichter hei alli die glychi Maske. Der Papst het ne also nid nume d Bräste gno, sondern ou d Individualität. Wo sie zrüggkehrt sy "in die Gemeinschaft der Gläubigen", sy sie äbe zrüggkehrt i ds Normale, i d Norm. Wenn also öpper wie d Martha Galwin im "Tannhäuser" settigi Zämehäng useschaffet, de verdient er nid, dass me ne usbuht.

 

Der glych Abe isch derfür zum persönliche Triumph vom Horst Stein worde, är, wo ab 1987 uf Basel chunnt, als Chefdirigent vom Symphonieorchester. I muess grad säge, dass i zu dene ghöre, wo der Horst Stein als Dirigent sehr gärn hei. Är geit ja mit ere analytische Haltig a d Wagner-Partiture häre, wo Klarheit schaffet; Klarheit über d Proportione u die grossformatige Element. U wenn er de bim Dirigiere mit syre sagehafte Sorgfalt den einzelne Details nachegeit, de glycht er eme Forscher, wo sys Objekt usenand nimmt, für z luege, wie's gmacht isch. U so lüpft er de mit sym Stab, won er füehrt wien e Pinzette, d Faktur vor Komposition a ds Liecht, und als Zuehörer gratet me derby vo eim Entzücke i ds andere.

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