Polly. John Gay.

Oper.

Theater am Neumarkt, Zürich.

Radio DRS-2, Reflexe, 17. Juni 1986.

 

 

[Moderationsvorschlag:] Fast fünfzig Jahre lang war sie von der englischen Zensur verboten, "Polly", die Fortsetzung der Bettleroper, die John Gay 1728 geschrieben hatte. Erst 45 Jahre nach dem Tod des Verfassers wurde das Verbot der Aufführung aufgehoben. Da das Werk keine Zeitgenossen angriff, muss man annehmen, dass sich die Zensur in erster Linie gegen John Gay selber richtete, der mit seinen politischen Pamphleten zum "Hindernis für den Frieden Europas und zum Schrecken der Minister" geworden war (so die damalige Einschätzung). Jetzt, nach 258 Jahren, kam das Werk im Zürcher Neumarkt-Theater zur ersten ersten Aufführung in deutscher Sprache. Michel Schaer berichtet.

 

E gfreuti Sach, die "Polly". Natürlich nüüt zum Grüble, zum Heinäh, zum Chüste. Derhinter isch ke Philosophie, ke Tiefgang. Aber ds Wärkli längwylet eim nid, will's Witz het; es chutzelet, will's zynisch isch. Und es bringt eim zum Lache statt zum Gränne, dass d Welt so schlächt isch, wie sie isch. Oder was säget dihr zu däm?

 

(Musik)

 

Settigi Tön ghört me im hüttige Operetheater eigentlich chuum. Mir hei ja, grad bi üs ume, ou ke Üebig mit em Azügliche, gschwiege de mit der Satire. U ds Musical isch z plump, z schwärfällig, grad, will so viel muess biete, mit Ballet, und Ylage, u Kostüm, u Verwandlige, u Sentimentalität, u Schmalz, u rosarot, u zuckersüess, u Drive, und Erotik etc. – "Polly" dergäge brucht nume zwöi Bei, für chönne z stah: e spannendi Gschicht und e zynischi Grundhaltig.

 

(Musik)

 

E Puffmueter und e Familievater verhandle zäme der Prys vom neue Dienstmeitschi. Settigs macht äbe ds Thema vor "Polly" us: Es geit um Sex, und es geit um Gäld. D Opere zeigt, wie me a Sex u Gäld härechunnt: mit Lüge, mit Stähle, mit Morde, grad wie hüt. D Motore, wo d Handlig vor "Polly" vorwärts bringe, sy also die glyche, wo d Wältgschicht vorwärts bringe – oder rückwärts, je nachdäm.

 

Natürlich chunnt dernäbe no die reini Liebi vor, ja, es git sogar drei edli Mönsche. Aber die sy lang nid so interessant wie die böse. Der härzig Indianer, wo no a ds Guete im Mönsch glaubt, bringt üs grad derwäge zum Lache, u mir sägen üs: Wart nume, du chunnsch de scho no uf d Welt – u dermit hei mir ou zueggä, ohni's z wölle, dass mir d Welt grad glych aluege wie d Halunke.

 

(Musik)

 

Ja, und immer, wenn d Gschicht nümm wyter weiss, chunnt ere e glungnige Zuefall z Hilf, wie äbe d Landig vo Seeräuber.

 

Spannend bir "Polly" isch also d Weltaschauuig; spannend isch aber ou der Geist vor Handlig. U ds Theater am Neumarkt isch ganz uf der Höchi vor Vorlag. Wie ds Material von ere Schachpartie behandlet d Inszenierig d Figure u d Dekoration. Sie entwicklet sich so logisch, dass es e Freud isch; u je lenger ds Spiel geit, desto dütlicher wird eim, dass derhinter e Plan steckt. Jede Gegenstand, wo uf der Bühni steit, nimmt öpper irgendeinisch i d Hand; bis am Schluss alles isch i ds Spiel cho, bis am Schluss alles verspielt isch.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]