Faust. Johann Wolfgang Goethe.

Tragödie.                  

Michael Blume. Goetheanum, Dornach.

Radio DRS-2, Reflexe, 25. Juli 1986.

 

 

Gester Donnstig het am Goetheanum z Dornach der "Faust"-Zyklus wieder agfange. Das Stück vom Goethe mit sym 1. u 2. Teil wird unkürzt gspielt, u me bruucht derfür e ganzi Wuche mit insgesamt 9 Vorstellige. 24 Stunde lang duuret das Theater anenandghänkt, es Theater, wo uf ere Ystudierig vom Rudolf u der Marie Steiner basiert, us de Jahr 1915-38. 1100 Persone sy pro Vorstellig derby, u der Zyklus, wo hüür drü mal gspielt wird, isch usverchouft. Bir Eröffnig vo däm "Faust"-Zyklus bin i derby gsy, wo's agfange het mit der "Zueignung" u gangen isch bis zur Tüfelswelt. Ufgfüehrt wie gseit im Goetheanum, däm Institut vo de... ehm...

 

(Wort)

 

Nei, grad so ahnigslos wie dä Passant bin i vor mym Bsuech de nid grad gsy. I ha immerhin gwüsst, dass es Anthroposophe sy, wo ds Goetheanum ygrichtet hei, und i ha gwüsst, das sie i ihrne Theateruffüehrige en eigetümliche Sprachstil hei:

 

(Wort)

 

Der Jörgen Smitt, Leiter vor Jugendsektion am Goetheanum. Über die eigetümlichi Sprächwys bi anthroposophische Theateruffüehrige bin ig informiert gsy, zmindste theoretisch. I ha ou gwüsst, uf was der Regisseur Michael Blume bim Inszeniere gachtet het:

 

(Wort)

 

Näb ere vage Idee vor Inszenierig han i ou e ungfähri Klangvorstellig vor Uffüehrig gha, dank em Darsteller vom Mephisto, wo usnahmswys öppis vor em Mikrofon het prysgä.

 

(Ton)

 

Ganz ahnigslos bin i also nid gsy, won i zur Eröffnig von de Festspiel a ds Goetheanum gange bi, ja i ha mi sogar uf dä Theaterbsuech gfreut. I halte nämlich der "Faust" für eis vo de grösste Drame i der Weltliteratur, i ha mi jahrelang dermit beschäftiget, bi mängere Uffüehrig nachegreiset, nume für z gseh, wie sich das Wärk tusigfältig laht la uslege, u wie's jedesmal in ere neue Schicht afaht läbe, we's vo gschyde Theaterlüt befragt wird, Theaterlüt, wo chöi läse, wo chöi dänke, u wo das chöi zur Darstellig bringe, wo sie verstande hei.

 

I bi also mit Vorfreud uf Dornach, ere Vorfreud, wo sich gsteigeret het dür die sensibli, läbigi, fyn differenzierti Riesenarchitektur vom Goetheanum, wo vo jedere Syte här anders usgseht u vo jedere Syte här neui Erläbnis bewürkt. So öppis Grossartigs u glych Differenzierts han i ou vo der "Faust"-Uffüehrig erwartet. U der Afang het myne Erwartige entsproche. I der fabelhafte Akustik vom grosse Saal isch ds musikalische Vorspiel e reine Gnuss gsy. Glasklar het me jedi einzelni Stimm chönne ghöre; ke Ysatz, ke Bogestrich isch verloregange, u trotz dere Klarheit vom Detail isch doch ou ds umfassende Ganze geng z gspüre gsy.

 

Bis du äbe am Goethe sys Drama zur Uffüehrig cho isch. Mit "Zueignung" het's agfange. Däm Vorwort i Gedichtform, wo der Goethe am Stück vorusgschickt het. Das hei sie z Dornach aber nid öppe gredt, sondern deklamiert, ja fasch gsunge. Mir hei dä Stil im Studio nachgestellt, für nech en ungfähren Ydruck dervo z gäh:

 

(Ton)

 

I weiss, dass der Goethe synerzit als Theaterdirektor z Weimar vo de Schauspieler en ähnliche Sprächgsang verlangt het, sowyt me das us Briefe u Dokument überhaupt cha rekonstruiere. Aber die theatergschichtlichi Situation het denn anders usgseh als hüt, u für e Goethe isch der Singsang nid ds höchste Ziel gsy, sondern nume es Durchgangsstadium. D Schauspieler hei zu syre Zyt kener Verse meh chönne rede, u dermit sie's wieder hei glehrt, het der Goethe es extrems Gwicht uf ds Deklamiere gleit. Aber das Deklamiere hätt nume en Übergang sölle sy zum ene natürliche Umgang mit der Schönheit vor Verssprach. Z Dornach aber isch d Deklamation, der Singsang, scho fasch öppis Heiligs, öppis, wo a d Wurzle füehrt vom anthroposophische Welt- u Mönschebild.

 

Wenn aber d Sprach als Musik verstande wird, wie z Dornach, de treit nümme ds einzelne Wort, nümm d Ussag vom einzelne Satz, sondern de treit nume no die rhythmischi Wällebewegig, ds monotone Uf und Ab vom Sprechgsang. Das heisst: D Form wird wichtiger als der Inhalt, ds irrationale Erlebnis wird wichtiger als die scharfi Erkenntnis. D Wortmusik z Dornach geit also uf ene totale und ou totalitäre Ydruck us. Nomal der Regisseur Michael Blume:

 

(Wort)

 

Was am Dornacher "Faust" also nid usechunnt, das sy d Zwüschetön, d Schattierige. Wenn aber Zwüschetön u Schattierige e Differenzierigsleistig – u dermit ou e Dänkleistig - sy, de cha me bhoupte, dass Dornach just die geistigi Komponente vom Drama unterschlaht. U dermit isch d Uffüehrig vom Prinzip her falsch und unvollständig, unabhängig dervo, ob alli Verse gredt wärde oder nid.

 

Das wär eso my Erklärig, wenn i öpperem müsst säge, wärum mi d Uffüehrig vom "Faust" am Goetheanum dermasse enttüscht het, und abgseh vom Prinzipielle würd i bhaupte, d Schauspieler heige gar nid ds Format, für sich überhaupt dörfe an e "Faust" härezmache. Nach myre Meinig.

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