Die Nackten kleiden. Luigi Pirandello.

Schauspiel.

Gernot Friedel. Gastspiel des Jungen Theaters Hamburg im Stadttheater Biel.

Bieler Tagblatt, 10. Januar 1972.

 

 

Wir haben viel gesehen und nichts wahrgenommen

 

"Die Nackten kleiden", in Rom 1922 uraufgeführt, ein Jahr nach dem Erfolgsstück "Sechs Personen suchen einen Autor", gehört nicht zu den bekanntesten, auch nicht zu den besten Werken Pirandellos, und nur selten wird eine Inszenierung vorgenommen. Es ist ein Stück, das man schwer in den Griff bekommt, es ist einerseits zu schillernd, zu heterogen, anderseits zu unfertig, stellenweise zu konstruiert, es ist uneinheitlich und mit einigen deutlichen literarischen Schwächen. Ein Konglomerat verschiedenster Ansätze und Ebenen, so könnte man es bezeichnen, das sich einer szenischen Durchführung kaum anbietet, es ist widerspenstig, zerfällt, wenn man es umfassen will, entzieht sich der Vereinheitlichung, die von einer "geschlossenen" Inszenierung verlangt wird.

 

Trotzdem ist das Stück spielbar, lässt sich eine Aufführung denken, dann nämlich, wenn es vom Schluss her inszeniert wird, einem Schluss, der sich durch philosophische Schärfe und dichterische Prägnanz auszeichnet, der plötzlich die verschiedenen, auseinanderstrebenden Teile motiviert und ihren inneren Bezug aufdeckt. In ihm liegt auch die Begründung des seltsamen Titels "Die Nackten kleiden", die Begründung für den Selbstmord einer jungen Frau inmitten einer sich scheinbar aufopfernden Umgebung.

 

Die vielen Teil-Wahrheiten, die sich im Verlauf des Stücks einstellen, sich als unzulänglich erweisen und fallengelassen werden, die erklären, begründen, rechtfertigen sollen, die sind nichts anderes als der Versuch hilfloser, isolierter Menschen – und jeder Mensch ist nach Pirandello hilflos und isoliert – sich scheinbar einen Sinn zu geben, der Versuch, zeigen zu können, dass man "auch da" ist. So liegt das Wirkliche  nicht im Gereimten, den Wörtern, den scheinbar sinnvollen, die sich Pirandellos Menschen zuschieben. Das Gereimte ist nichts anderes als Maske, Verkleidung, die ständig gewechselt werden muss, denn die Wirklichkeit sprengt dauernd die Nähte, passt nie ganz ins Bild. Und das Stück ist von Anfang bis Ende eine unaufhörliche Maskenprobe, das Bemühen, sich "durch den Tod wenigstens ein anständiges Kleid" zu beschaffen.

 

Eine solche Inszenierung wäre denkbar, die mit intelligenten, ungemein wandlungsfähigen Darstellern die verschiedenen Kleider aufzeigen könnte, die sich die Menschen zulegen, die ihr rastloses Anprobieren, ihre kurze Versunkenheit und ihr jähes Erschrecken, wenn das Kleid nicht mehr passt, rhythmisch gliederte, musikalisch gestaltete, transparent, das heisst zart, mit vielen Zwischentönen.

 

Das Junge Theater Hamburg und der Regisseur Gernot Friedel haben die Chance, diesen Pirandello vorzustellen, vertan, sie haben das Stück, statt es vom Ende her zu inszenieren, auf den Schluss hin angelegt. Das hatte Veränderungen zur Folge, die einen fragenden, nihilistischen und selbstquälerischen Text in eine oberflächliche und etwas verknäuelte Abendunterhaltung ummodelten. Aus Pirandello, der mit seinem Stück die Fragwürdigkeit unserer Wirklichkeitsauffassung bewusst machen wollte, ein künstlerischer Vorgang, wurde ein Autor, der eine schlecht gebaute, nicht sehr überzeugende Kriminalgeschichte konstruiert hat, die am Schluss nicht aufgeht und unverständlich wird. Im Schnellzugstempo, mit wenigen Halten, sonst stereotyp gehetzt, wurde die Vorlage im üblichen Stil durchgesprochen, unoriginell und nicht eigentlich packend, ihre Vielfalt und ihr Reichtum, ihre Heterogenität, die ihre Stärke sein könnte, wurden einem nicht mehr bewusst. Wir haben viel gesehen und nichts wahrgenommen.

 

So erhielt die Figur der Frau Onoria, die im Text nicht ganz integriert ist, weil sie etwas zu einfach gezeichnet wurde, in der Aufführung am meisten Profil, das Schwank-Profil, während die übrigen Darsteller blass, schemenhaft und eigentlich störend einem eigentlichen Krimigenuss im Weg standen. Fiel im Text die Onoria aus dem Rahmen, waren nun diese unangebracht und langweilig. Und plötzlich war die Aufführung des komplizierten Stücks einheitlich geworden, gewaltsam einheitlich, weil die Regie auf die minuziöse Durchgestaltung der Sprache verzichtet hatte, die "Maskenprobe" unter den Tisch fallen liess, die subtilen Widersprüche im Text umging und die Darsteller im zügigen Boulevardkomödienstil agieren liess, mit einfachen Mitteln und eindeutigen Wirkungen.

 

Fast ist man versucht, ins alte Lied von der unseriösen, kommerziellen Inszenierungspraxis der Privattheater einzustimmen, und unter diesen Umständen erübrigt sich die Besprechung der einzelnen schauspielerischen Leistungen. Darsteller solchen Kalibers hatten wir in Biel auch und werden sie bestimmt wieder haben, es bleibt nur rätselhaft und symptomatisch, auf Grund welcher Qualifikationen ihre Namen teilweise in fettgedruckten Lettern marktschreierisch auf den Werbeplakaten prangten.

 

Alles in allem war das Gastspiel eines derjenigen, die verfehlt waren. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Pirandello-Auffassung, vielleicht in nächster Zeit, durch eine kompetente und sorgfältige Inszenierung korrigiert wird.

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