Der Bär / Der Heiratsantrag. Anton Tschechow.

Possen.

Theater für das Bernerland auf der St. Petersinsel.

Der Bund, 25. Juli 1977.

 

 

Die jammernde Witwe und der polternde Bösewicht

Auf der St. Petersinsel kann echte Wanderschmiere genossen werden

 

Als es einnachtete, begann Jürg Stämpfli die Kuhglocke zu schwingen, und das bedeutete: Achtung, das Theater fängt an! Das Licht im ehemaligen Klosterhof ging aus, und ein erwartungsvolles Pst!! wies die letzten Schwätzer zur Ruhe. Laut zwitschernd flog eine Amsel durch die Linde, dann wurde es auf der "Bühne" hell: Man erkannte den kupfernen Schirmständer des Hotel-Restaurants St. Petersinsel, und schon humpelte Raoul Serda mit einer kupfernen Giesskanne – ebenfalls aus Beständen des Stämpfli-Dubach'schen Gasthofs – als alter treuer Diener über die Bühne. Liselotte Torin als seine Herrin, ganz in Schwarz, drückte mit bewegtem Gebärdenspiel den Schmerz über ihren verstorbenen Gatten aus. Schon bald trat Spannung ein, als es hinter der Szene zu poltern begann und Edwin Fabian hereinstürmte als zottiger, ungehobelter, brüllender, krakeelender Gutsbesitzer Smirnow. Er schlug mit den Fäusten auf den Tisch, liess sich in den Sessel plumpsen und fluchte und stampfte – ganz der gute alte Theaterbösewicht, wie man ihn aus der Kinderzeit noch in Erinnerung hat.

 

Das Publikum, das dem Freilichtspiel auf der St. Petersinsel folgte, ging mit lautem, dankbarem Lachen mit. Es waren grösstenteils Insel-Habitués: Die Leute vom Zeltplatz, eine Handvoll Twanner und Ligerzer. Einheimische und Feriengäste aus Lüscherz und Erlach, ein paar Bieler Familienväter, die der "Mueter" während der Ferien eine Freude machen wollten. Lauter einfache Leute, die beim derben Humor der Tschechowschen Einakter voll auf ihre Rechnung kamen.

 

Der "Herr vom Bund", der sich einiges auf sein ästhetisches Feingefühl und seine Theaterkenntnis einbildet, sass unter ihnen und lachte am längsten und am häufigsten. Schon längst hatte er den Vorsatz, die Sache leicht zu nehmen und mit den Theaterleuten nachsichtig zu verfahren, vergessen. Denn was er da genoss, war echteste Wanderschmiere: derb, eindeutig, aromatisch und vor allem strotzend von Vitalität. Der Tschechow, den das Theater für das Bernerland schon an die 220 Mal gespielt hat, wurde zwar abgeraspelt, aber wie! Man spürte, dass die uralten kräftigen Gags für die Schauspieler noch nicht zum Problem geworden sind. Die Unkompliziertheit ihres Komödiantentums und der Maskenzauber trafen den Zuschauer mit voller Wucht.

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