Biedermann und die Brandstifter / Die grosse Wut des Philipp Hotz.

Schauspiele.

Max Frisch.

Manfred Schwarz. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 15. November 1977.

 

 

Ein Muster an Geschlossenheit und schauspielerischer Präzision

 

Wenn das Dienstmädchen eintritt "mit dem Kaffee", "ganz verstört", und nur noch in abgehackten Sätzen sprechen kann: "Dahinten – der Himmel, Frau Biedermann, von der Küche aus -, der Himmel brennt...", da weiss der Zuschauer: Es ist aus. Wir sind am Ende nicht nur des Stücks, sondern am Ende überhaupt. Die Katastrophe, die wir von Anfang an haben kommen sehen, ist eingetreten. Nun fällt der Vorhang, und zurück bleibt die Frage: Können wir daraus etwas lernen?

 

Max Frisch, der Autor, ist offenbar dieser Ansicht. Denn er bezeichnet sein Stück "Biedermann und die Brandstifter" als Lehrstück. Allerdings als "Lehrstück ohne Lehre", wie der vollständige Untertitel lautet. Ein Rezept, wie sich die Katastrophe vermeiden liesse (und darum geht es doch?), wird uns versagt. Mehr Härte gegenüber den andern, wäre das die Lösung? Aber Biedermann ist ja bereits so rücksichtslos, dass einer seiner Angestellten seinetwegen Selbstmord begeht! Also mehr Milde, Verständnisbereitschaft, Entgegenkommen? Aber dann arbeitet Biedermann den Brandstiftern in die Hände! Die Situation scheint ausweglos.

 

Vielleicht aber ist die Frage falsch gestellt. Denn – möchten wir wirklich, dass die Biedermanns am Leben bleiben und nichts sich ändert? Vom Stück her sicher nicht. Denn da haben die Brandstifter, vor allem der treuherzige, etwas beschränkte Sepp, unsere ungeteilte Sympathie. Wir missbilligen zwar ihren Zerstörungstrieb, werden aber immer wieder durch ihr unverstelltes und munteres Gebaren für sie eingenommen. Sie sehen gerne, wie es brennt, und geben das auch offen zu. Die Welt anzuzünden ist ihr Zweck, für ihn leben sie, für ihn wenden sie ihre Geschicklichkeit und Schlauheit auf, dafür setzen sie ihre ganze Person ein. – Und Biedermann?

 

Wenn wir ihn danebenstellen, merken wir, dass er nichts hat, das den Einsatz wert ist. Nach Feierabend eine Zigarre, ein Glas Rotwein, die Zeitung – dafür lebt er. Ein Leben ohne Orientierung, und dies im doppelten Sinn. Biedermann lebt nicht nur ohne Ziel, er lebt auch verkehrt, er kann Rechtes und Falsches nicht unterscheiden. Den treuen Angestellten hetzt er in den Tod, die Brandstifter unterstützt er.

 

So ist "Biedermann und die Brandstifter" eigentlich das Stück vom Menschen ohne Gespür, die Geschichte vom Mann, dessen Bestes längst gestorben ist. Ein Mensch, der seine Menschlichkeit verloren hat. (Dass er ununterbrochen von Menschlichkeit spricht, ist fast schon ein Beweis.) Da hilft uns Moral nicht weiter. Aus diesem Grund: "Ein Lehrstück ohne Lehre".

 

Dass dies alles in der Aufführung des Städtebundtheaters herauskommt, ist erfreulich. Aber die Aufführung trifft nicht nur den gedanklichen Kern des Stücks. Neben dem grossen Ganzen stimmen auch die Details. Und deshalb ist es nicht verfehlt, in diesem Fall von einem Muster an künstlerischer Geschlossenheit und schauspielerischer Präzision zu sprechen. Denn mit dieser Produktion stellt das Städtebundtheater endgültig unter Beweis, dass es etwas kann. Der Wille zur sauberen Arbeit, der alle Produktionen dieser Spielzeit übers Durchschnittsmass emporhob, hat hier rundum sein Ziel erreicht.

 

Dass es zu diesem Erfolg kam, ist, wie mir scheint, in erster Linie dem Umstand zu verdanken, dass exakt dem Text entlang inszeniert wurde (Regie: Manfred Schwarz) und dass alle Schauspieler am richtigen Platz waren. So stimmte die Manieriertheit eines Winfried Görlitz treffend mit der Geziertheit des Kellners Willi Eisenring zusammen; und das Flair Malte Horstmanns für hölzerne Gestalten gab einen überzeugend durchgehaltenen pavianhaften Ringer Kurt Schmitz.

 

Aber nicht nur die Brandstifter trugen das Stück. Was Verena Leimbacher aus der unbedeutenden Rolle des Dienstmädchens herausholte, ist schlicht unübertrefflich. Wie sie stand, wie sie sich umwandte, wie sie das Zimmer verliess, war eine Meisterleistung an Präsenz, das stimmte jeder Schritt, jedes Achselzucken.

 

Es tut diesen Leistungen keinen Abbruch, wenn ich feststelle, dass diese Rollen nicht zu den schwersten zählen. Denn die Typen sind derart eindeutig festgelegt (auch der Dr. phil. Raoul Serdas), dass der Zuschauer von Anfang an ihre Motive kennt und ihre Handlungen versteht. So fällt es ihm auch leicht abzulesen und zu verstehen, was die Schauspieler zeigen.

 

Anders der Gottlieb Biedermann. In dieser Figur geht mehr vor als in den andern. Alles davon zum Ausdruck zu bringen, dürfte wohl dem Literaturwissenschafter vorbehalten bleiben, denn die Rolle ist von Frisch stärker gedacht als geschaut. So blieb notgedrungen Michael Ogilvies Darstellung stellenweise leer. Dabei war es ihm in der Konfrontation mit dem Chor der Feuerwehrleute (wo er einen längeren, zusammenhängenden Text gestalten konnte) gelungen, den Wechsel von Entrüstung, Furcht, Ehrlichkeit, Scham und Kaltschnäuzigkeit wiederzugeben. In der ersten und letzten Szene aber wünschte man ihm Gerda Zanggers Können, die das Innere der Babette Biedermann in allen Nuancen ausleuchtete und auf feine, souveräne Art blossstellte.

 

Dass nach der Pause "Die grosse Wut des Philipp Hotz" folgte, den Frisch zusammen mit "Biedermann" zur Uraufführung brachte, scheint mir etwas problematisch. Denn die beiden Stücke sind doch zu verschieden, um durch die Gegenüberstellung zu gewinnen. Vielmehr scheint mir, die Substanz werde durch die Posse verwässert.

 

Doch dieses Urteil ist vielleicht etwas hart. Das Publikum jedenfalls nahm den Schwank dankbar an, und auch ich hatte im Moment Vergnügen am virtuosen Spiel, das Frisch mit den Ebenen des "Theaters im Theater" entfesselte. Und schliesslich führte die Möglichkeit, dass die Schauspieler sich am selben Abend von zwei ganz verschiedenen Seiten zeigen konnten (für beide Stücke wurde dasselbe Ensemble eingesetzt), für mich zur Einsicht, dass ich Malte Horstmanns Fähigkeiten unterschätzt habe und dass Verena Leimbacher in den letzten Jahren offensichtlich an Statur gewonnen hat. Insgesamt also: ein Abend der freudigen Überraschungen.