Eduard Benz, Präsident und administrativer Direktor der Orchestergesellschaft Biel (OGB).

Interview.

Bieler Tagblatt, 9. Juli 1978.

 

 

Wenn man als über dreissigjähriger Familienvater mit zwei Kindern den gelernten Beruf und die bürgerliche Sicherheit aufgibt zugunsten eines kulturellen Wagnisses, dann müssen dafür gewichtige Gründe den Ausschlag gegeben haben. Für den heute 46jährigen Eduard Benz, Präsident und administrativer Direktor der OGB, war es die Liebe zur Musik, für die er alles Bisherige aufgab. Im Rückblick hat es sich gelohnt: Die Musik entschädigt ihn immer wieder neu für seine Opfer, durch sie vermittelt ihm seine Arbeit immer noch so viel Befriedigung wie vor acht Jahren. Wie aber erklärt Eduard Benz selbst die Macht der Musik über seine Person?

 

Eduard Benz: Das kann ich nicht sagen. Ich erinnere mich zwar, als Kind jedesmal in irrsinnige Begeisterung verfallen zu sein, wenn ich nur von weitem eine Blasmusik hörte. Aber ich komme nicht aus einem ausgesprochen musikalischen Haus. Erst mit sechzehn Jahren habe ich, und zwar unter dem Einfluss von Verwandten, mit dem Geigenspielen angefangen. Ich musste aber 23 Jahre alt werden, um ein Instrument mit vollem Ernst zu spielen. Damals besuchte ich das hiesige Konservatorium und lernte Bratsche. Ich machte schnelle Fortschritte und wurde, da Bratschisten gefragte Leute sind, von verschiedenen Amateurorchestern bald zur Mitarbeit aufgefordert.

 

Bieler Tagblatt: Daneben aber hatten Sie einen soliden bürgerlichen Beruf?

 

Benz: Natürlich. Denn die Musik betrachtete ich damals noch als blosses Hobby, und nie wäre es mir in den Sinn gekommen, ich könnte je beruflich damit zu tun haben. Heute, wo ich mir über die Eindeutigkeit meiner Interessen im klaren bin, würde ich – wenn ich noch einmal anfangen könnte – ohne Zögern das Musikstudium ergreifen. Damals aber kam das nicht in Frage, und ich lernte Architekt HTL. Eigentlich bloss, weil mir nichts Besseres einfiel. Mit 26 Jahren heiratete ich, wurde Familienvater, trat ins Büro des Bieler Architekten Max Schlup ein, und damit schien meine ganze Existenz vorgezeichnet.

 

BT: Und Sie waren dabei glücklich?

 

Benz: Das ist schwer zu entscheiden; jedenfalls fühlte ich mich stark für das Wohlergehen meiner Familie verantwortlich. Durch die Orchestertätigkeit aber, wo ich mit Armin Jordan und Jost Meier in Berührung kam und mich anschliessend befreundete, wurde mir immer deutlicher bewusst, dass das Künstlermilieu eine ganz andere Welt darstellt, und die brachte meine bürgerlichen Auffassungen allmählich durcheinander. Im geheimen begann ich mir die Frage zu stellen, ob ich nicht etwas verpasst hätte, und ich beneidete und bewunderte alle, die beruflich musizieren konnten. So fing ich an, in zwei Hälften zu leben: tagsüber als Architekt in meinem Büro (ich hatte mich mittlerweile selbständig gemacht), abends aber als Musiker.

 

BG: Dann kam es zur Gründung der OGB...

 

Benz: Ende 1968 gerieten die Amateurorchester in eine Krise. Ich war bereit, Präsident des Stadtorchesters zu werden, wenn sich die verschiedenen Orchester zu einem Klangkörper vereinigten. Ausserdem stellte ich die Bedingung, dass Jost Meier zum Dirigenten ernannt werde, als die OGB im September 1969 endgültig gegründet wurde. Denn ich wusste schon damals, dass er ein genialer Musiker ist, obwohl er zu jener Zeit noch nie dirigiert hatte. Aber alle Musik, der er sich zuwandte, wurde in seinen Händen zu Gold. Wie dann das Städtebundtheater 1971 aufgelöst wurde, war die OGB in der Lage, die Produktion des Musiktheaters zu garantieren.

 

BT: Trotzdem war die neue Aufgabe eine grosse Belastung?

 

Benz: Sicher. Das Ehrenamt des OGB-Präsidenten, das mit 500 Franken im Monat entschädigt wurde, wuchs zu einem Fulltime-Job aus. Ich musste nicht nur die Dienstpläne für Konzerte, Chorbegleitungen und das Musiktheater aufstellen; ich bestellte ausserdem das Notenmaterial, fuhr vom Probenlokal in die Konzertsäle, stellte die Notenständer auf, räumte sie wieder ab und spielte ausserdem noch im Orchester mit. Daneben musste die Arbeit im Architekturbüro weitergehen. Um mir selber zu beweisen, dass sie nicht zu kurz kam, beteiligte ich mich in dieser Zeit am Wettbewerb für ein neues Trolleybus-Depot und erhielt den dritten Preis, als bester Bieler Architekt.

 

Am 1. Juli 1971 wurde die OGB in den Status eines Berufsorchesters versetzt. Ein Geschäftsführer sollte die Sache leiten. Aber nach einem halben Jahr stellte sich heraus, dass keine rechte Buchhaltung da war, und die Organisation klappte noch immer nicht. Wohl oder übel musste ich mich persönlich dahintermachen; Tag und Nacht krampften meine Frau und ich, um die Belege zu ordnen und den Karren wieder auf die Räder zu bringen. Daneben kamen finanzielle Engpässe auf uns zu. Manchmal wussten wir nicht, wo wir das Geld für die Löhne hernehmen sollten. Auf diese Weise wuchsen wir in den Betrieb hinein. Meine Frau übernahm definitiv die Buchhaltung und ich das Management.

 

BT: Und heute?

 

Benz: Heute ist die Situation der OGB stabil. Ich glaube nicht, dass sie noch in Frage gestellt werden könnte. Während wir früher das Terrain hart erkämpfen mussten, haben wir heute klar abgesteckte, sichere Grenzen. Aber innerhalb dieser Marken gibt es noch genug zu tun. Am dringendsten, scheint mir, ist die soziale Besserstellung der Musiker. Damit sollten auch die häufigen Wechsel im Orchester wegfallen, die der Sache abträglich sind.

 

BT: Und der künstlerische Erfolg...

 

Benz: ...scheint mir unbestritten. Die OGB hat heute ihren Ruf. Ich möchte dazu nur zwei aktuelle Beispiele anführen. Mit dem Neuenburger Dirigenten Theo Loosli nimmt das Orchester gegenwärtig eine Schallplatte auf, die im Plattenklub "Perspectives Romandes et Jurassiennes" erscheinen wird. Und dieser Tage zeichnet das Fernsehen einen 50minütigen Beitrag über das Musiktheater auf, der am 9. März um 21.20 Uhr zur Ausstrahlung gelangen wird. Die Télévision Suisse Romande will damit ein Theater vorführen, das eigentlich zu wenig Geld für das kriegt, was es künstlerisch leistet.

 

BT: Der Erfolg hängt natürlich auch vom künstlerischen Leiter, von Jost Meier, ab.

 

Benz: Das ist gar keine Frage. Man sollte aber auch die Wichtigkeit jener Leute, die im Hintergrund das Gedeihen der OGB ermöglichen, nicht unterschätzen. Ich denke vor allem an die Dienste von Francis Pellaton als Präsident des Patronatskomitees. – Aber abgesehen davon stimme ich Ihnen zu: Meier ist unersetzlich. Und das wird uns wahrscheinlich zu schaffen machen. Denn schweizerische und ausländische Musikorganisationen haben nach ihm die Fühler ausgestreckt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er nächstens Biel verlässt... Aber auch ihm würde der Wechsel nicht leichtfallen. Denn hier konnte er sehr selbständig arbeiten und seine Konzepte durchbringen. Damit ist die OGB weitgehend sein Werk. Anderswo dürfte er eine so grosse Freiheit wie hier nicht ohne weiteres wiederfinden.

 

BT: Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Jost Meier und Sie ein Vertrauensverhältnis haben, das weit übers Berufliche hinausgeht. Ich stelle mir vor, dass zwischen Ihnen sehr gute Freundschaft und weitgehende Übereinstimmung herrschen.

 

Benz: Ja!

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