I Colombaioni Willi und Nani.

Clownnummern.

Gastspiel im Freien Gymnasium Bern.

Der Bund, 11. März 1978.

 

 

Der Traum von einer menschlichen Welt

 

Was war es wohl, das die Leute beinahe scharenweise ins Freie Gymnasium zog und die Aula bis auf den letzten Platz füllte? Zu sehen gab es bloss zwei kleine Männer um die fünfzig, die ältesten der Brüder Colombaioni. Sie brachten die alten, berühmten Nummern und die alten, bekannten Gags: platzende Ballone, spritzendes Wasser, Ohrfeigen, Stolpern auf dem blanken Bühnenboden. War man hingegangen aus Nostalgie? Gerade weil es die alten Nummern waren?

 

Ein bisschen Akrobatik, dann wieder Situationskomik, Überraschungen... das Programm war rührend einfach. Und dazu war man gekommen: um sich durch Einfachheit rühren zu lassen.

 

Man sah die Probleme, die das Besteigen eines Stuhles bietet, man sah, wie anspruchsvoll es ist, zwei genau gleiche Besen auseinanderzuhalten, von denen der eine ein Pferd, der andere ein Szepter vorstellen soll. Und man schloss die beiden ins Herz, denen sich diese Schwierigkeiten boten. Am liebsten wäre man selbst auf die Bühne geeilt und hätte ihnen geholfen. Denn wir haben gelernt, mit dieser alten Welt umzugehen. Für Nani und Willi aber schien alles neu, unbekannt, voller Tücken. Aber auch voller Poesie.

 

So verwirklichten sie für uns den Traum vom verlorenen Paradies; noch einmal anfangen zu können, noch einmal die Welt so intensiv erleben zu können wie ein Kind. Nicht sie waren kindisch, sondern durch sie wurden wir zu Kindern. Und wir begannen, die alten, elementaren Gefühle der Rührung, des Mitleids, der Liebe wieder zu empfinden.

 

Es ging nicht lange, und man schloss ihn ins Herz, den kleinen, unbeholfenen Nani, der sich von seinem gewitzten Bruder übertölpeln lässt und eine Ohrfeige nach der andern einsteckt. Bis er begreift und seinerseits den Klugen überlistet. Da brauste der Beifall auf. Denn man sah, wie am Schluss das Gute siegt. – Aber das ist eine Phrase. In Wirklichkeit sah man, wie der Schwache siegt. Der Dumme. Die Kunst der Clowns ist eine echt menschliche Kunst.

 

Dann kam, überraschend, die letzte Nummer. Völlige Dunkelheit, absolute Stille. Nur ein Scheinwerferkegel, der zwei erbarmungswürdige, stumme Bettlergestalten erhellt. Da war es vorbei mit Witz, Ironie, Tempo – ein riesengrosser Kontrast, man glaubte, einer der intensivsten Beckett-Szenen beizuwohnen. Dabei hatte sich nur eine Nuance verschoben. Und man begriff mit einem Mal, wie nahe das Burleske am Abgrund liegt. Wie leicht es umschlagen kann ins Absurde. Die Clowns haben das längst gewusst. Vor Beckett.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]