Mann ist Mann. Bertolt Brecht.

Schauspiel.

Federico Pfaffen. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 10. April 1978.

 

 

Die Unmöglichkeit, ein guter Mensch zu bleiben

 

Galy Gay ist ein guter Mensch. Ein Mensch mit einem weichen Gemüt. Einer, der sich um die Welt nicht kümmert und glücklich ist, wenn man ihn in Ruhe lässt. – Aber die Welt ist schlecht. Leute mit weichen Gemütern können darin nicht bestehen. Sie müssen sich anpassen, wenn sie nicht umkommen wollen. Galy Gay passt sich an. Und wird zum Mörder und zur Kampfmaschine. Wie die übrigen.

 

Eine Figur ist auf der Bühne, die schaut von Anfang an zu. Sie sieht, wie der irische Packer aus Kilkoa umgebaut wird in einen Soldaten. Wie er seinen bürgerlichen Namen zu verleugnen beginnt und zuletzt vergisst. Diese Person, die zuschaut, ist die Witwe Begbick. Dank ihrem Bierwaggon für die Truppe macht sie Geschäfte mit dem Krieg.

 

Die Witwe Begbick war nicht immer ein hart berechnendes Weib. Man spürt: einmal hatte sie ein Herz. Man glaubt, einen Rest ihrer Menschlichkeit durchschimmern zu sehen, wenn sie die Verwandlung des Galy Gay mit Misstrauen verfolgt. Und man hofft, sie werde eingreifen, bevor es zu spät ist.

 

Aber die Witwe Begbick rettet Galy Gay nicht. Das Misstrauen, das sie zeigte, entsprang der Angst um ihr Geld. Das Schicksal des Galy Gay dient ihr bloss zum Amüsement. Ihr wirkliches Interesse gilt dem Geschäft.

 

Man lernt: Du sollst dir keine Hoffnung machen auf einen Retter. Du sollst andern Menschen nicht blind vertrauen, sondern die Augen aufsperren und handeln. Sonst bist du verloren.

 

Der Mann, der dies schrieb, war Bertolt Brecht. Er war ein Dichter. Also selber einer mit gutem Herzen und weichem Gemüt. Aber sein Innerstes, das über blühende Apfelbäume in Begeisterung geriet, musste er verdecken. Und Härte zeigen. Denn er lebte in einer Zeit, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen war. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschloss.

 

Mit seinen Stücken wollte er die, die noch Menschen waren, warnen. Dass es nicht genügt, sanft zu sein wie die Tauben. Für eine bessere Welt müsse man kämpfen. Er tat es auf seine Weise. Und litt darunter, dass er, der den Boden bereiten wollte für Freundlichkeit, dabei nicht freundlich bleiben konnte.

 

"Mann ist Mann" ist ein Stück Bertolt Brechts. Also das Stück eines Dichters. Das heisst: es ist schön. Diese knappe, praktische, wohlgearbeitete Sprache konnte nur ein Dichter schreiben. Dazu hat das Stück Reichtum. Im Wechsel der Stimmungen, im Wechsel der Töne, im Wechsel des Tempos. Von all dem merkte man in der Bieler Aufführung wenig. Den ganzen Abend lang kauten die Soldaten der Maschinengewehrabteilung (Winfried Görlitz, Raoul Serda, Thomas M. Meyer, Hans Schatzmann) lässig-bedrohlich Kaugummi. Um zu zeigen, was für harte Typen sie seien. Und wenn sie mit Galy Gay sprachen, stiessen sie ihm ihre Knarre in den Bauch. Das war aber auch alles; was der Regisseur Federico Pfaffen aus dem Stück holen liess: Eintönigkeit.

 

Günter Rainer ist ein begabter Schauspieler. Und sicher auch ein guter Mensch. Aber nicht der Typ eines Packers. In dieser Rolle ist er am falschen Platz. Er schwimmt darin und versucht alles mögliche. Halt findet er erst gegen Schluss, wo Galy Gay erschossen werden soll und dem Psychoterror erliegt. Da vergass Rainer, dass er einen Packer spielen musste, der ihm zwei Nummern zu gross ist. Er zeigte einen, der Schiss hat. Das überzeugte.

 

Ruth Bannwart als Witwe Begbick bringt mit: das rechte Alter und eine Eisschrankstimme. Ausserdem hätte sie die schönsten Songs zum Singen, aber sie singt sie nicht. Sie hätte die reichste Rolle, aber sie schöpft den Reichtum nicht aus. Sie hätte eine zweideutige Gestalt, aber sie bleibt eindimensional.

 

Zur Aufführung: Possen statt Sinn. Die Leute lachten, als der künstliche Elefant unvermutet Wasser liess (steht nicht im Text). Hingegen erschraken sie nicht, als Galy Gay nach vollzogener Verwandlung die tibetanische Bergfestung mit 7000 Flüchtlingen in Brand schoss: "Und schon fühle ich in mir den Wunsch, meine Zähne zu graben in den Hals des Feinds, Urtrieb, den Familien abzuschlachten den Ernährer, auszuführen den Auftrag der Eroberer."

 

Da kroch im Zuschauerraum kein Grauen hoch. Denn die Stelle ist gestrichen.