"Robinson Crusoe" nach Daniel Defoe.

Strassentheater.

Long Green Theatre Company, Edinburgh.

Der Bund, 26. Juni 1978

 

 

7. Festival Kleiner Bühnen Bern:

Robinsons Leben und Untergang

 

Ein Tau liegt kreisförmig auf dem Asphalt: die Bühne. Der Asphalt selbst: das Meer, der Strand, eine Insel. An einem umgekippten Rollstuhl dreht ein Mann das Rad hin und her: ein englisches Handelsschiff.

 

Wo wenig braucht das "Long Green Theatre" aus Edinburgh, um bei den Zuschauern die Einbildungskraft in Gang zu setzen und Teilnahme zu wecken für Leben und Untergang des Robinson Crusoe. Offensichtlich ein Theater, das die Kunst der leisen Winke beherrscht und aus dem flachen Asphaltboden Mehrschichtigkeit und Tiefe zu zaubern vermag.

 

Am Anfang der Handlung steht er am Steuer seines Schiffes und gibt Auskunft über seine Person. Name Robinson Crusoe, geboren 1632, Vater eingewanderter Deutscher, Mutter Britin... und während er mitten im gemütlichen Erzählen ist, geschieht das Unglück. Schiffbruch. Untergang, er als einziger kommt mit dem Leben davon.

 

Damit ist die Ausgangslage gegeben. Man erinnert sich: die einsame Insel, der Papagei, der Wilde namens Freitag, Robinsons Notwendigkeit, die ganze Zivilisation nochmals zu erfinden. Das "Long Green Theatre" knüpft an diese Erwartungen an und folgt, äusserlich, der Geschichte, die Daniel Defoe 1719 aufgeschrieben hat. Aber der aufklärerische Optimismus des Klassikers ist verflogen, die Tendenz läuft hier in der Gegenrichtung. Der Wilde ist es, der Humor hat, Herz, Geistesgewandtheit, Erfindungsgabe, Menschlichkeit. Crusoe dagegen erscheint von Anfang an irgendwie verschroben, er hängt an seinen Ideen stärker als an der Realität.

 

Dieser Eigensinn ist es, der Robinsons Begegnungen mit dem Papagei, mit Freitag, der Nixe und den Affen anfänglich komisch erscheinen lässt. Aber mit zunehmendem Alter verhärtet sich der Eigenwille zu Starrköpfigkeit. Und damit kippt die Geschichte ins Tragische.

 

35 Jahre hat er auf der Insel gelebt, ohne mit einer Frau in Berührung zu kommen. Nun ist seine Begierde derart angewachsen, dass er in seiner Blindheit mit einem Affenweibchen zu walzern beginnt. Das Glück ist jedoch von kurzer Dauer. Er schnappt vollends über, ist abwechslungsweise Kind, Papagei, Affe.

 

Er erholt sich nicht mehr. Er bleibt ein störrischer, verwirrter Alter, dessen letzter Wunsch ist, heim nach England zu kommen. Freitag erfindet ihm ein Schiff, aber bevor er noch die Heimat erreicht, ertrinkt er in einem Sturm.

 

Diesen Reichtum an szenischen Einfällen und an psychologischem Tiefsinn bringt das "Long Green Theatre" mit leichter Hand, so ganz nebenbei, während es nie die Hauptaufgabe des Strassentheaters vergisst. Immer bleibt es konkret – doch ohne Derbheit; witzig – doch ohne Verstiegenheit; voller Andeutungen – doch ohne Zusammenhang und Klarheit aufzugeben.

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