Die Hexenwiese. Arnold H. Schwengeler.

Komödie.                  

Das Theater für das Bernerland auf der St. Petersinsel.

Bieler Tagblatt, 18. Juli 1978.

 

 

Im Banne der St. Petersinsel

 

Mit dem Schiff fuhren wir hinaus in die Nachmittagsbläue, die Rebhänge spiegelten sich im Weissweinglas, um uns herum flutendes Licht, blinkende Wellen. Dann tauchten wir in den Schatten der Insel, stapften durchs saftige Gras des Rundwegs. Irgendwo am Strand liessen wir uns nieder unter hängenden Zweigen, sahen, wie das Wasser sich senkte und hob, als ob der See atmete.

 

Als wir im Inselrestaurant in kleinen Schlucken jenen Weisswein genossen, der immer besser wird, je mehr man davon trinkt, war unser Gespräch längst vom Nebensächlichen zu den Hauptsachen gekommen. Erst die gebratenen Felchen und die breiten, behäbigen Meringue brachten uns wieder in leichteres, gelöstes Plaudern.

 

Beim Einnachten versammelte man sich im ehemaligen Klosterhof. Drei, vier Zeitungskritiker, die sich von Berufs wegen keine Theaterpremiere entgehen lassen, und 120 Frauen aus dem Berner Seeland, meist Bäuerinnen, mit ihren Ehemännern. Fast alle waren sonntäglich gekleidet, mit Weste und Krawatte, das Haar frischgewaschen und glattgekämmt. Sie, die in ihrem Leben wohl noch nie den Fuss in ein Theater gesetzt haben, waren gekommen, um eine Truppe zu sehen, die eigens für sie spielte, auf "ihrer" Insel. Sie waren gekommen, um sich verzaubern zu lassen von der Theaterkunst, die sie für zwei Stunden aus ihrer Gegenwart entführte in die Zeit von "Anno dazumal". Bereitwillig gingen sie mit, wohlgelaunt lachten sie zu den harmlosen Spässen, mit denen Arnold H. Schwengeler seiner "Hexenwiese" Schwung zu geben versucht hatte.

 

Der Reiz der Insel, das Unvergessliche des Drum und Dran – damit lässt sich erklären, warum das Freilichtspiel auf der St. Petersinsel eine Reise wert ist, unabhängig davon, welches Stück gespielt wird und wie es inszeniert ist. Selbst wenn man sich eine karätigere Vorlage und eine phantasievollere Inszenierung gewünscht hätte, der Sommerabend stimmte mild und verträglich. Was im Theatersaal Ablehnung und in der Presse Verrisse hervorgerufen hätte, hier fand es wohlwollende und unkritische Aufnahme. Weshalb sollte unter diesen Umständen der professionelle Kritiker den Leuten die Freude vermiesen und besserwisserisch dartun, wie eindeutig schlecht die "Hexenwiese" als Stück ist und wie platt die Aufführung ausfiel?

 

Denn der Kritiker freut sich selber schon aufs nächste Jahr, wieder auf der Insel. Und wer weiss, vielleicht gibt es dann ein Stück, das das Publikum wie den Fachmann anspricht, und eine Inszenierung, die Bestand hat, wenn man sich vom Inselwein vorher nicht bestechen liess...

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]