Die Goldtopf-Komödie. Plautus.

Komödie.                  

René Scheibli, Michaela Mayer. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 15. August 1978.

 

 

Das Freilichtspiel auf der Terrasse der Stadtkirche:

Ganz vom Theater her gedacht

 

Im 2100 Jahre alten lateinischen Original geht ein verhältnismässig langer "Prologus" der Komödie voran. Darin schildert der Hausgott auf breite, umständliche Weise die Geschichte des Hauses, in dem sich die Handlung abspielen wird, vom Urahn bis zu den heutigen Bewohnern.

 

Zweck dieser Vorrede ist, den Zuschauer mit der Ausgangssituation vertraut zu machen: Der geizige alte Euklio hat einen Schatz gefunden; ein junger Mann aus bestem Haus hat Euklios Tochter geschwängert; der Jüngling weiss, wen er vergewaltigt hat, das Mädchen aber kennt ihn nicht, und der Vater weiss nicht einmal von der Schwangerschaft seiner Tochter... Damit sind die Voraussetzung für eine wirkungsvolle Komödie gelegt. Es geht um die Blossstellung von Geiz und Engstirnigkeit auf der einen, um Heirat und Happy-End auf der andern Seite.

 

So wichtig der Prolog indessen für das Verständnis der Handlung ist, was das Szenische angeht, steht er auf schwachen Füssen, ja, er ist geradezu ein Problem. Es lässt sich nämlich kaum vermeiden, dass sich Langeweile einstellt, wenn ein Schauspieler diesen dreiminütigen, kunstlosen Monolog wie vorgeschrieben deklamiert.

 

Hält man nun daneben, welche Lösung René Scheibli für die Aufführung des Städtebundtheaters gefunden hat, dann wird offensichtlich, wie bei dieser Inszenierung ganz vom Theater her gedacht worden ist, und zwar bis ins Detail.

 

Schon durch die Ausstattung der Bühne (Michaela Mayer) wird die Lust am Theatralischen geweckt. Zwischen schlanken, leicht schiefstehenden Säulen wallen schön gefärbte Tücher; sie verdecken geheimnisvoll das Innere und erregen gleichzeitig die Neugier zu sehen, was alles hervortreten wird.

 

Das Licht geht an. Zwei junge Mädchen nehmen vor den farblich zart abgestuften Vorhängen Stellung und blasen brav ihre Querflöten. Aber es geht nicht lange, da werden sie unterbrochen: Johlend dringen die Schauspieler mit ihren Masken unterm Arm hinter den Tüchern hervor und verfolgen ein weiss vermummtes Gespenst, offensichtlich den Hausgott des lateinischen Originals.

 

Beim Anblick der Zuschauer bleiben alle abrupt stehen, und die weisse Gestalt eröffnet ihren Monolog. Die Truppe jedoch kann nicht an sich halten; in ihrem Eifer reissen sich die Schauspieler die Worte des Prologs aus dem Mund, jeder drängt sich nach vorn, keiner kann warten, bis er dran ist. Für diesen einen Moment zeigen die Schauspieler ihre wahren Gesichter, dann werden die Masken darüber gestülpt, die Komödie geht los...

 

Und damit hat Scheibli den langfädigen, zähen Monolog flüssig gemacht. Indem er ihn aufs ganze Ensemble verteilte. Ausserdem konnte er mit diesem Spielzug die Zuschauer einstimmen auf den Stil der ganzen Inszenierung, das heisst auf ungezügelte Spielfreude, Turbulenz, Maskenzauber, Klamauk.

 

Die Darsteller also spielen in Masken. Damit fällt die ganze Gesichtsmimik weg, und, bei der äusserst mangelhaften Akustik des Spielorts, auch die Möglichkeit sprachlicher Differenzierung. "Reden" müssen nun der Körper und die Gebärden der Hände. Von ihnen liest der Zuschauer ab, wen er vor sich hat und was in den Gestalten vor sich geht.

 

Einigen Darstellern gelingt es ganz vortrefflich, sich auf diese Weise auszudrücken. Thomas M. Meyer zum Beispiel, der nur zwei kleine Nebenrollen verkörpert, prägt sich ein, weil er auf stimmige Weise mit seinen Fingern zu trillern und mit seinen Hüften zu wackeln weiss. Auch Eleonore Bürcher hat Gespür dafür, wie man den Körper beugen muss, um eine alte, eigensinnige Magd abzugeben – schade nur, dass die Stimme nicht mithält. Hans Schatzmann kann nicht nur untadelig auf Stelzen gehen, er ist auf diskrete, zuverlässige Art da, mit seiner ganzen Person. Günter Rainer schliesslich, Träger der Hauptrolle, aber viel zu jung dafür – mit der Maske und seiner Körperhaltung macht er sein wahres Alter vergessen und gestaltet ein minutiöses Bild der Knickrigkeit.

 

Wenn sich ein Regisseur für Masken entscheidet, dann liegt das Hauptgewicht der Inszenierung somit auf dem Optischen. Scheibli hat aus diesem Umstand die Konsequenzen gezogen und das Spiel so arrangiert, dass die Augenlust fortwährend neue Nahrung kriegt. Nie wird auf der Bühne bloss gesprochen, stets passiert noch etwas daneben.

 

Auf diese Weise behält das Stück selbst dort, wo es an sich schwerfällig wäre, Schwung und Leichtigkeit. Der Nachteil allerdings ist, dass die Aufmerksamkeit vom Wort abgezogen wird und der Zuschauer in Gefahr gerät, jene Momente zu verpassen, wo dramaturgische Weichen gestellt werden. Die Leichtfüssigkeit und Vielfalt der Vorgänge überzeugen zwar den Kenner des Stücks in vollem Masse. Aber der Verständlichkeit der Handlung zuliebe hätte man wohl mit etwas weniger Understatement, dafür marktschreierischer und breiter ausspielen müssen.

 

Dies der Aufführung als Mangel anzukreiden, würde indessen von Unverständnis zeugen. Denn die Inszenierung lebt gerade vom Leichte, Zarten, Flüssigen. Und wenn sie damit einige Anforderungen an die Zuschauer stellt, so ist nur zu hoffen, dass diese davor bestehen, zum Besten der Aufführung, aber auch zum Besten der Zuschauer selbst.

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