Susann Enz (Porträt).

Der Bund, 8. Januar 1983.

 

 

Begegnung mit...

Susann Enz: "Ein Gefühl grosser Dankbarkeit"

Die Chefsprecherin von Radio Bern oder die Geschichte eines Menschen hinter seiner Stimme

 

 

[Kasten]

Tel. 161

Als die PTT Neuaufnahmen für die "sprechende Uhr" brauchte, wurde aus diversen anonymen Stimmproben die Stimme von Susann Enz ausgewählt. "Nach ein paar vorbereitenden Sitzungen", erzählt die Chefsprecherin von Radio Bern, "dauerte die eigentliche Aufnahme nicht einmal einen halben Tag. Zuerst sprach ich die Sekunden aufs Band: Zehn Sekunden, zwanzig Sekunden usw. Darauf die Minuten, und am Schluss die Stunden. Diese Angaben wurden nachher von Technikern zu vollen Zeitangaben zusammengeschnitten. Ich selber hatte damit nichts mehr zu tun."

 

 

 

Mittagsgratulationen am Schweizer Radio. "... liebe Frau Hagi, wir gratulieren Ihnen ganz herzlich zum 97. Geburtstag und wünschen Ihnen weiterhin viele sonnige Tage ..." Die Stimme, die aus dem Radio kommt, ist freundlich, ruhig und warm. Praktisch jeden Mittwoch, so will es der Dienstplan, spricht dieselbe Stimme. Und jedesmal tönt sie freundlich, ruhig und warm. Jahraus, jahrein.

 

Die Frau, der dieser Stimme gehört, sitzt im Ansageraum. Vor ihr, auf einem gepolsterten Tisch, liegt ein rosarotes Blatt mit dem Aufdruck "Ansage". Von der Decke hängt ein schwarzes Mikrofon an einem langen Metallstab herunter. An der Wand leuchtet ein grünes Licht: Sendung. Was die Frau ins Mikrofon spricht, geht jetzt "hinaus": "Schweizer Radio, DRS-1. Wir gratulieren."

 

Auf dem Tisch liegt das leere Brillenetui. Der Bleistift. Eine Büroklammer. Und neben dem Manuskript liegen die Hände des Sprecherin, flach, reglos. Den Armreif hat sie abgelegt, um damit nicht zu klimpern oder irgendwo anzustossen. Sie sitzt streng aufrecht auf der äussersten Kante ihres Stuhls, ein Bild höchster Konzentration.

 

Im Winter trägt die Frau, die jeden Mittwoch spricht, gern kniehohe Stiefel und ein Wollkleid. Im Sommer einen leichten Jupe und eine Bluse. Sie wechselt häufig ihren Schmuck. Aber die Stimme bleibt immer gleich, jahraus, jahrein. Freundlich und ruhig und warm.

 

Wenn um 12.30 Uhr das Zeitzeichen ertönt, ist die Arbeit der Ansagerin beendet. Sie schiebt ihre Manuskripte zusammen, legt die Brille ins Etui zurück, versorgt die Schallplatten, trägt sich ins "Logbuch" ein, räumt ihre Sachen auf, zieht den Armreif wieder an und verlässt den Senderaum. Mit dem Auto fährt sie zum Mittagessen nach Hause.

 

Susann Enz hat den grössten Teil ihres Lebens in Gümligen gewohnt. Sie ist dort aufgewachsen in einem grossen alten Haus. Im Garten ist sie herumgetollt und hat mit ihren Puppen gespielt. In Gümligen ging sie in die "Prim" und in Bern in die "Sek". Als junge Frau hat sie im Haus der Eltern ihr Kind  zur Welt gebracht. Ein Bub. Dann ging sie wieder weg, mit ihrem Mann zur Bühne. Den Säugling liess sie zur Pflege bei der Grossmutter zurück.

 

"Ich war damals in voller Entwicklung", erinnert sich Susann Enz. "Und ich hatte nur einen Gedanken: Theater. Dafür hatte ich gekämpft, und jetzt wollte ich hinaus, ins Engagement. Wissen Sie, wenn man etwas mit grosser Kraft angestrebt hat, gibt man es nicht so leicht wieder auf."

 

Ja richtig, die Schauspielschule hatte Opfer von ihr verlangt. Zuerst hatte sie auf Wunsch der Eltern einen bürgerlichen Beruf ergreifen müssen. Und als sie das Keramikmalen gelernt hatte, starb der Vater. Von finanziellen Zuwendungen konnte jetzt keine Rede mehr sein. Sie musste neben der Schauspielschule zwei Tage pro Woche bei einem Töpfer arbeiten, um das Schulgeld aufzubringen.

 

Dann kam das erste Engagement als Elevin beim Städtebundtheater Biel–Solothurn, zusammen mit ihrem Mann im sogenannten "Familienvertrag". Die Kritiken waren günstig, die sie bekam: "Die Darstellung von Susanna Enz war lebhaft, von burschikosem, aber dennoch echt weiblichem Humor gewürzt", stand etwa in der "Solothurner Zeitung" vom 21. Oktober 1953. Ein andermal schrieb das "Bieler Tagblatt": "Köstlich wiederum Susanna Enz als Kattri." Es war der Traum vom grossen Glück, in dem sich die Schauspielerin bewegte. Sie wusste ja noch nicht, dass das erste Engagement auch ihr letztes sein würde.

 

Doch mit der Zeit entdeckte sie ihr Handikap: "Ich kam nie als jugendliche Liebhaberin in Frage, als Julia etwa oder als Gretchen. Denn ich war nicht schön genug. Meine Stärken lagen im Charakterfach, und dafür war ich wiederum zu jung. Ausserdem liessen sich die älteren Kolleginnen ihre Rollen nicht wegnehmen." – Als ihr Mann kündigte, um weiterzukommen, verlor auch Susann Enz ihre Stelle. Das Theater wollte sie nicht behalten.

 

Zwei arbeitslose Schauspieler, Mann und Frau, versuchen, sich durchzubringen. Er arbeitet im Geschäft des Vaters, als Bürolist. Sie macht gelegentlich berndeutsche Hörspiele bei Radio Bern. Plötzlich bietet sich eine Chance: Sie wird gefragt, ob sie nicht Ansagerin werden wolle. Einen Moment zögert sie. Die komplizierten technischen Apparate, die sie bedienen müsste, machen ihr Angst. Doch dann erinnert sie sich an ihren Mann, ans Kind und an ihr karges Einkommen. Sie willigt ein: "Gut, aber nur für ein Jahr." Nachher, denkt sie, gehe ich gleich wieder ans Theater. Sie weiss noch nicht, wie schwer das Comeback ist, wenn man die Bühne einmal verlassen hat.

 

Und so hat es begonnen. Ansagen, Schneeberichte, Rückrufe, Vermisstmeldungen. "... wir gratulieren Ihnen ganz herzlich zum 97. Geburtstag und wünschen Ihnen weiterhin ..." Die bekannte Stimme. Freundlich und ruhig und warm. Seit 1955, jahraus, jahrein. 1967 wird sie zur Chefsprecherin befördert und fest angestellt. "Der gute Sprecher zieht sich hinter seine Aufgabe zurück. Je weniger er auffällt, desto besser", erklärt Susann Enz. "Er muss sich sagen: Du hast das Programm zu verkaufen. Der Hörer hat den Anspruch, dass die Sache richtig angesagt wird."

 

Kein Hörer merkt dieser Stimme an, dass die Ehe von Susann Enz langsam auseinanderbricht. Die Schwierigkeiten, die jeder Partner mit seinem eigenen Leben hat, machen die Gemeinschaft immer schwieriger. Um beim Radio bleiben zu können, schlägt Susann Enz Rollenangebote des "Kleintheaters" aus. Der Mann aber geht ins Ausland und findet dort Engagements. Später suchen sie gemeinsam Hilfe bei einem Psychiater. Sie wollen verstehen, was sie auseinandergebracht hat. Und sie einigen sich auf eine Scheidung in Frieden und in gegenseitigem Respekt.  Das alles merkt kein Mensch der Stimme an, die am Mittag zu silbernen, goldenen und diamantenen Hochzeitstagen gratuliert. The show must go on.

 

Obschon Susann Enz nach der Scheidung im Haus der betagten Mutter lebt, beginnt für sie eine Zeit des Alleinseins. Ob eine Frau mit 42 Jahren noch einen Partner findet? Die Bekannten, die sie hat, sind alle "besetzt". Und trotzdem spürt sie in sich "Zuneigung, Wärme, Liebe, lauter Gefühle, die ich mit jemandem teilen möchte." Sie überlegt sich: "Wo soll ich hin, um Leute kennenzulernen? Soll ich ein Inserat aufgeben? Aber nein, als Radiosprecherin kannst du das nicht. Wenn das auskäme, wäre es schlimm."

 

Zuweilen hat sie ihre "grauen Zeiten" und weiss nicht warum. Sie nimmt die Trauer hin, wie man sich mit schlechtem Wetter abfindet. "Warum darf man nicht ab und zu traurig sein?" Wenn sie aus dem Studio nach Hause kommt, sagt sie manchmal: "Mutter, ich habe jetzt wieder einen grauen Tag. Sei nicht böse, dass ich nichts essen mag. Ich gehe jetzt auf mein Zimmer. Mach dir keine Sorgen." Und dann weint sie eben in ihr Kissen.

 

Längst hat sie den Glauben an ein Wunder aufgegeben, als sich ein geschiedener Bekannter nähert. Sie sprechen über ihre gescheiterten Ehen und merken, dass sie Ähnliches erlebt haben. Ob sie auch zusammengehören? Aber Susann Enz kann jetzt nicht von der Mutter weg, die an Alterskrebs erkrankt ist. Später vielleicht, sagt sie, später. Der Mann hat Verständnis. Er wartet. Er macht Besuche bei der Familie Enz und hilft, die alte Frau zu pflegen, die immer schwächer wird.

 

"Als ich merkte", erzählt Susann Enz, "dass das Leben meiner Mutter zu Ende ging, blieb ich bei ihr bis zur letzten Stunde. Und dieses Erlebnis hat mich geprägt. Ich hielt die Sterbende in meinen Armen, konnte mit ihr reden und sagen, was ich noch sagen wollte. Ich wollte ihr danken bis zum letzten Moment. Nach einer Stunde hatte ich das Gefühl: Sie zieht den letzten Atem ein... und gibt ihn nicht wieder zurück. Ich griff nach ihrem Herz und spürte, wie es noch ein paarmal hüpfte – und dann war es still. Mich hat dieses Erlebnis mit grosser Dankbarkeit erfüllt. Das Leben hat sich abgerundet. Als ich zur Welt kam, hat mich meine Mutter gewickelt, ernährt und grossgezogen. Und an ihrem Ende war ich es, die für sie kochte und sorgte. Übrigens – sie ist im selben Bett gestorben, wo ich meinen Sohn zur Welt gebracht habe. So nah sind Leben und Tod beisammen."

 

Nun zieht Susann Enz in die Wohnung ihres Freundes. Vorerst probeweise. Die Frage ist: "Passen wir wirklich zusammen? Wir sind ja so verschieden!" Er kommt aus einem bürgerlichen und sie aus einem Künstlermilieu. Doch nach einem halben Jahr sind sie einander sicher. "Es geht", meinen sie, und heiraten. Das war vor zwei Jahren.

 

Heute sagt Susann Enz: "Ich habe so vieles erlebt und erfahren, und trotzdem trage ich in mir ein ganz tiefes Gefühl von Glück und Dankbarkeit. Ich frage mich manchmal: Wie habe ich diese Freude verdient? Wie kommt es, dass ich mit 55 Jahren das Glück eines gemeinsamen Lebens erfahren darf? Ich fühle mich rund wie ein Kreis. Ich durfte mich meiner Trauer hingeben, dem Schmerz, und wusste auch, dass ich wieder darauskommen würde und dass alles seinen Sinn hat. Wohl denke ich manchmal: Ah, das wäre schön, wenn ich wieder einmal aufs Theater dürfte, mit einer grossen Rolle. Aber ich kann trotzdem zu mir ja sagen. Ich nehme mich an, wie ich bin."

 

Es ist Mittwoch. Mittagsgratulationen am Schweizer Radio. "... liebe Frau Hagi, wir gratulieren Ihnen ganz herzlich zum 97. Geburtstag und wünschen Ihnen weiterhin ..." Die bekannte Stimme. Freundlich und ruhig und warm. Jahraus, jahrein.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]