Montagspassion. Manfred Schwarz.

Schauspiel.

Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 10. April 1979.

 

 

Uraufführung im Stadttheater:

Theologie auf Kosten des Theaters

 

Die achtzigminütige Aufführung der "Montagspassion" stellt einige Anforderung an die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Denn, äusserlich betrachtet, geschieht auf der Bühne so gut wie nichts. Keine Verwandlung, keine Kostüme, keine Masken, kaum Bewegungen. So konzentriert sich alles aufs Wort. Oder, genauer gesagt, auf die Argumente, die den Inhalt von Manfred Schwarz' neustem Stück ausmachen.

 

 

Die "Montagspassion" ist ein Diskussionsstück. Das Denken von sechs Personen kreist um die Frage: "Was bedeutet Christus für jeden einzelnen von uns? Wir alle in diesem Raum bekennen uns zum christlichen Glauben." Wir alle – das sind auf der Bühne: ein Gemeindepräsident, eine Hausfrau, ein Pfarrer, ein Journalist, ein Tiefbauzeichner. Am Gespräch ist ausserdem ein jüdischer Apotheker beteiligt.

 

"Wir alle in diesem Raum" – das sind aber auch die meisten Zuschauer. Und weil die Fragen, die die Gestalten auf der Bühne vorbringen, auch die Fragen des Publikums sein könnten, wird der Zuschauer zum Mitdenken geradezu verleitet. Damit ist Spannung von vornherein gegeben.

 

Dies um so mehr, als der Ausgang der Diskussion entscheiden wird, ob der Pfarrer, der an seiner Berufung irregeworden ist, sein Amt weiterhin ausüben oder aufgeben soll. So konzentriert sich alles auf die Frage: "Sagen Sie mir, wer dieser Christus war, und ich will an ihn glauben."

 

Hier hat die Diskussion ihren Ausgangspunkt. Doch merkwürdig: je mehr Licht in die damaligen Ereignisse getragen wird und je mehr sich die Gesprächsteilnehmer engagieren, um so verworrener wird das Ganze. Wer Jesus war, lässt sich offensichtlich von keinem Gesichtspunkt aus voll erfassen, weder vom politischen noch vom sozialen oder religionsgeschichtlichen.

 

Wo aber bloss Meinungen statt Wahrheit möglich sind, steht der einzelne vor der Notwendigkeit, sich zu entscheiden. Im Stück formuliert der Journalist, was heute noch einen Grund zum Glauben abgeben kann: "Wenn er nicht auferstanden ist, wer bin ich dann? Für mich ist seine Auferstehung eine Existenzfrage." Weil sonst, ohne Glaube, der Sinn und die Verpflichtung verlorengingen und, was die letzten Dinge anbelangt, nur noch Nihilismus offenbliebe.

 

Die theologische Aussage des Stücks ist zweifellos gelungen. Doch dramaturgisch betrachtet lässt sich der Abstraktheitsgrad nicht übersehen, auf dem die Argumentation läuft. Von ihm her lässt sich kaum mehr eine Verbindung zur Ausgangssituation herstellen – zu jenen sechs Personen also, die sich in der Wohnstube des Pfarrhauses zum Diskutieren zusammengefunden haben. Und darin liegt die Schwäche des Stücks. Es hat zugunsten der Konsequenz im Theologischen das Theatralische vernachlässigt, und das bedeutet im engeren Sinne einen Mangel an psychologischer Folgerichtigkeit.

 

So finden sich die sechs Leute zu schnell und zu perfekt in die Rollen, die sie für ihre Montags-Diskussion übernehmen sollen, vor allem, wenn die Verbindungslinien derart dünn sind wie hier. Zufällig ist Alfons Maurer Politiker wie Pontius Pilatus, der Apotheker zufällig praktizierender Jude wie Kaiphas, und zufällig hat der Journalist, der den Judas spielt, sein Theologiestudium abgebrochen.

 

Auf diese Weise aber ist nicht hinreichend motiviert, warum sich jeder Gesprächsteilnehmer so glatt mit seiner Rolle identifiziert, dass der ursprüngliche Mensch dahinter vollständig verschwindet. Doch indem ihnen dieser persönliche Hintergrund in der Diskussion abgeht, erscheinen die Gestalten bloss noch als Stichwortbringer und Deklamatoren fremder Texte.

 

Mit unterschiedlichem Glück haben die Schauspieler und Regisseur Alex Freihart versucht, den Mangel an Relief wettzumachen, indem Gebärden und Körperhaltungen einholen sollten, was das Stück ausspart. Doch auch damit gelang es nur unvollständig, die Spuren des Konstruierten zu verwischen. Denn die Mittel beschränkten sich im wesentlichen darauf, dass Freihart jene Darsteller aufstehen und umhergehen liess, die einen längeren Part zu sprechen hatten.

 

Ein einziger verstand es dabei, der Gast Georges Weiss, mit vollem Einsatz zu spielen. Im richtigen Moment machte er einen Buckel oder lehnte sich zurück: Er redete nicht bloss mit den Händen, sondern mit dem ganze Körper. Zu seiner sinnlichen und sinnfälligen Art zu spielen gehörten auch Kleinigkeiten wie der Griff in die Snack-Schale und das Auffüllen des Rotweinglases. Das alles geschah mit solcher Selbstverständlichkeit, dass der Pontius, den er in der Diskussion vertrat, Dimensionen des Zynischen erhielt, die man beim blossen Lesen des Textes nicht vermutet hätte.

 

Schwieriger und undankbarer waren die Parts von Verena Leimbacher, Raoul Serda und Aldo Huwyler. Vom Stück her vernachlässigt, mussten sie vor allem die Stichworte einbringen. Trotzdem hätte sich aber eine überzeugendere Darstellung denken lassen. Raoul Serdas Verhalten zum Beispiel wirkte dandyhaft angesichts der einfachen, aber engagierten Fragen, die er zu stellen hatte. Und Aldo Huwyler schöpfte die Möglichkeiten nicht genügend aus, die ihm die Rolle des Pfarrers bot, jenes Mannes also, für den sich in der Diskussion eine Existenzfrage entscheidet. Dieser von Zweifeln geplagte Mann knabberte die Salznüsschen mit einem allzu zufriedenen Gesicht.

 

Demgegenüber verriet Hans Schatzmanns Gesicht auch im stummen Spiel eine Art undurchschaubares Interesse. Und aus dieser Undurchschaubarkeit heraus gestaltete er auch das lebensnahe Porträt eines hochintelligenten Taktikers und Kirchenpolitikers. Sein ideologischer Gegenspieler, der linke "Volksblatt"-Journalist, wurde von Günter Rainer verkörpert – wie es mir schien eine Spur zu aristokratisch-distinguiert in Auftreten und Sprache.

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