Cabaret Schwefelsäure: 8. Programm.

Gastspiel im Theater am Zytglogge, Bern.

Der Bund, 1. Mai 1979.

 

Ein staatlich diplomiertes "Cabaret"

 

Das "Sachwörterbuch der Literatur", das auf alle Fragen eine Antwort weiss, hält auch eine Definition dessen bereit, was Cabaret ist. Es sei, so liest man, "eine Kleinkunstbühne zum Vortrag von Chansons, Parodien, Pantomimen, Sketches, Tänzen u.a. Darbietungen in Vers oder Prosa". So gesehen, wäre das "Cabaret Schwefelsäure" also rechtens ein "Kabarett (franz. cabaret = Schenke)". Die vier Aargauer, die mit ihrem achten Programm gastierten, bedienten sich nämlich aller Formen, die das Lexikon aufzählt (mit Ausnahme der Pantomime), und dies mit einiger Bravour.

 

Zwar lässt sich nicht verschweigen, dass ein Gutteil der Nummern Prägnanz und Pointensicherheit vermissen liess, doch die Darbietung selber erfüllte die Anforderungen an Präzision. Das ist darauf zurückzuführen, dass drei der vier Darsteller schon seit 19 Jahren gemeinsam auftreten. Und solch lange Erfahrung schlägt sich natürlich in der sicheren Beherrschung des Handwerks nieder.

 

Doch damit ist es, will man dem "Sachwörterbuch" weiter folgen, nicht getan. Eine Truppe, die "Chansons, Parodien, Sketches" usw. bringt, ist deswegen noch kein Cabaret. Sondern dazu braucht es auch besondere Inhalte und eine spezielle Form. Das heisst, die Darbietungen sind "stets witzigen, satirischen, aktuellpolitischen oder erotischen Inhalts und von scharf pointierter Form, stets oppositionell zur herrschenden Gesellschaftsordnung, die das Kabarett in ihren kleinen und grossen Schwächen verspottet."

 

Diese Merkmale jedoch wird man bei "Cabaret Schwefelsäure" weitgehend vermissen. Was ihm namentlich abgeht, ist die scharf pointierte Form. Sein Humor ist breit und behäbig. Und so wird es einem leicht, einverstanden zu sein; denn das "Cabaret" selbst ist auch einverstanden – mit der "herrschenden Gesellschaftsordnung". Doch auf diese Weise wird den ganzen Abend ausbleiben, was das wirkliche Cabaret so unersetzlich macht: die blitzartige und unbequeme Einsicht, die einem aufgenötigt wird, ob man will oder nicht.

 

Zu Erkenntnis aber führten die vier Aargauer nicht, denn sie boten Unter-Haltung. Das heisst, sie stützen das Fundament, statt es, wie unverdünnte Schwefelsäure, zu zersetzen. Deshalb hat die "Pro Argovia" das "Cabaret Schwefelsäure" auch in die Reihe der "besonders förderungswürdigen Institutionen" aufnehmen können; "das aargauische Kulturkuratorium" sprach ihm gar einen "Anerkennungspreis für seine Leistungen" zu. – Und seither trägt das "Cabaret Schwefelsäure" das hochoffizielle Attest für Biederkeit und lammfrommes Verhalten. Wahrlich keine Empfehlung für ein Cabaret.

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