George Dandin. Molière.

Komödie.                  

Alex Freihart, Karl Weingärtner. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 9. Mai 1979.

 

 

Die Komödie als Tragödie des Einzelnen

 

Immer wieder hat man in den Stücken Molières das moralische Element erkannt und auch gelobt. Da gibt es keine Obszönitäten und Derbheiten, die jede Art von Mass und Zucht ins Lächerliche ziehen. Im Gegenteil, in Molières Komödien geht es gerade darum, jene Menschen dem Gelächter preiszugeben, die das Mass verloren haben. Komisch ist der Geizige, der Gelehrte, der eingebildete Kranke, der Menschenfeind. Sie alle haben ein irgendwie verkrampftes Gebaren, übertreiben bestimmte Züge über das Natürlich-Vernünftige hinaus. So ist zum Beispiel, wie Strindberg bemerkte, der Geizige nur geizig, "obwohl Harpagon nicht bloss ein Geizkragen, sondern auch ein ausgezeichneter Finanzier hätte sein können, ein prächtiger Vater oder ein gutes Gemeindemitglied."

 

Ein gewisser Schematismus ist dabei nicht zu übersehen. Es geht immer ums Gleiche: Ein Sonderling wird mit Gelächter bestraft, die Gesellschaft triumphiert, die Liebenden fallen einander, allen Schwierigkeiten zum Trotz, am Schluss in die Arme. Dieser inhaltlichen Gleichförmigkeit entspricht der starre Ablauf im Formalen. Neben den Schrullen des Sonderlings und dem Liebespaar, das darunter zu leiden hat, gibt es die pfiffigen und treuen Diener, die Intriganten und die Figuren der vernünftigen Eltern, die die Handlung am Ende einrenken helfen.

 

In dem allem folgt Molière tausendfach bewährten Mustern der Komödie, und es fiel seinen Zeitgenossen daher schwer, das Ausserordentliche an ihm zu erkennen. Bezeichnend dafür ist, was uns von Ludwig dem Vierzehnten überliefert ist. Als er fragte, wer der wertvollste Dichter des Zeitalters sei, antwortete Boileau: "Majestät, das ist Monsieur Molière." "Das hätte ich nicht gedacht", erwiderte der König, "aber Sie müssen es ja besser wissen."

 

Auch "George Dandin", den das Städtebundtheater als letzte Inszenierung dieser Spielzeit herausgebracht hat, folgt äusserlich dem vorgegebenen Muster. Noch immer lacht die Gesellschaft auf Kosten eines Einzelnen, der das Mass nicht kennt, noch immer schliesst sich das Liebespaar in die Arme; und doch ist unverkennbar, wie brüchig dieses Konventionen sind. Denn das gesellschaftliche Mass, das der Bauer George Dandin nicht kennt, ist nicht länger das Mass der Vernunft. Im Gegenteil, George Dandin hat recht, aber er kommt mit seinem Recht nicht durch, weil er ausgeschlossen und allein auf sich gestellt ist. – Damit erweist sich "George Dandin" als Kunstwerk von Rang, dem jede Einseitigkeit fehlt. Die Gesellschaftskomödie nämlich ist gleichzeitig die Tragödie des Einzelnen.

 

An die szenische Realisierung stellen sich somit heikle Anforderungen: Wie nämlich ist Einseitigkeit zu vermeiden und Ausgewogenheit zu gewinnen, ohne dass die Aufführung ins Farblose und Flache abgleitet? Doch wohl nur, indem die Inszenierung die Kontraste herausarbeitet.

 

Regisseur Alex Freihart jedenfalls hat diesen Weg beschritten und damit eine Aufführung herausgebracht, die alle Widersprüche dieser bitteren Komödie blosslegt. Damit wird nicht nur offenbar, wie vieles in "George Dandin" nicht mehr stimmt, sondern auch, mit welcher Meisterschaft Molière die Abfolge der einzelnen Szenen komponiert hat. Mit musikalischer Ausgewogenheit folgen sich derb-komische und melancholisch-stille Auftritte, hoffnungsvolle Erwartungen und herbe Enttäuschungen, Resignation und unbeschwerter Spass.

 

Doch Freihart ist auf dem Weg, Kontraste zu schaffen, noch weiter gegangen, und er hat den Widerspruch auch in die einzelnen Szenen hineingelegt. So rühren die Adeligen teilnahmslos in ihren Teetässchen, während George Dandin schier verzweifelt. Und während er seiner Frau Vorwürfe macht, stellt diese fröhlich ihre Krickettore auf.

 

Dieses Nebeneinander zweier verschiedener Handlungen macht augenfällig, dass die Verständigung zwischen George Dandin und seiner Umgebung unmöglich geworden ist. Jeder lebt in seiner eigenen Sphäre. Wie die Figuren eines Uhrwerks etwa zittern die Schwiegereltern vorbei, auf abgezirkelten Wegen und in unnahbarer Ferne – mit grossartiger Manieriertheit dargestellt von Georges Weiss, an dessen Perfektion Gerda Zangger nicht ganz heranreicht. Was in der Tiefe des Textes liegt, holt Freihart also an die Oberfläche der Bühne. Das ermöglicht eine Reihe eindrücklicher und schöner Bilder, angefangen von den Gesichtsausdrücken bis zur Gruppierung der Gestalten.

 

Über Eleonore Bürchers Gesicht liegt ein zarter Hauch adeliger Blässe, der die Figur in die Ferne rückt wie die Frauengestalten auf den Medaillons des 18. Jahrhunderts, während Claudia Federspiels Bräune die bäurische Derbheit einer Breughel-Figur evoziert. Mit sicherem Gespür fürs Komische agiert schliesslich Hans Schatzmann, wie immer mit einem Stich ins Kauzige, manchmal hart an der Grenze zum Eigenbrötlerisch-Unverständlichen, doch immer kontrolliert und in den Details ausgefeilt.

 

Für diese ganz aufs Optische ausgerichtete Inszenierung gibt das Bühnenbild von Karl Weingärtner einen Rahmen, schön und stimmungsvoll, wiederum mit Sinn für den Raum und das Atmosphärische eingerichtet, so dass die Nachtszenen im dritten Akt ausserordentliche Suggestionskraft entfalten.

 

Doch in der Konsequenz, mit der Freihart den Weg des Kontrastes beschritten hat, liegt eine Gefahr. Es ist nicht mehr möglich, zusammen mit der Hauptperson auf einen guten Ausgang zu hoffen und dann herb enttäuscht zu werden. Denn zum vorneherein ist ersichtlich, wie die Dinge liegen; alles, was in der Tiefe des Textes lag, ist an die Oberfläche geholt worden, sichtbar für jeden. "Les jeux sont faits" – noch bevor sie angefangen haben.

 

Damit aber wird die Möglichkeit dramatischer Spannung zugunsten der Klarheit der Kontraste eingeschränkt. Und mehr als das: Es kommt jene fatale Eindeutigkeit wieder ins Spiel, die Molière gerade im "George Dandin" überwunden und hinter sich gelassen hatte.

 

Umso stärker wirkt unter diesen Umständen Günter Rainers Verdienst. Schnörkellos stellt er einen George Dandin dar, in dem die Möglichkeiten des Lächerlichen wie des Mitleiderregenden ungeschieden, und das heisst menschlich und echt, nebeneinanderliegen.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]