König Ubu. Alfred Jarry.

Schauspiel.

Galerietheater "Die Rampe", Bern.

Der Bund, 25. Mai 1979.

 

 

Ein verharmlostes Monstrum

 

Es liegt am Einsatz Jürgen Kleins und Eva Lenherrs, dass es mir schwerfällt zu sagen, es habe zu einem vollen Gelingen nicht gereicht. Was die beiden an Qualitäten nämlich mitbrachten, ist anerkennenswert. Ich denke an ihren Mut zum Unkonventionellen, indem sie sich ein eigenes Theater schufen und überzeugend darauf zu spielen wussten; ich denke an ihren Einfallsreichtum, der vom Sinn für szenische Sparsamkeit schön ausbalanciert wurde, und ich denke an die Konzentration, die die beiden trotz eines fast leeren Theaters durchhielten.

 

Und so streitet das, womit sie mir als Menschen imponierten, mit dem, was sie als Künstler boten. Um als Kritiker zu sprechen: Ich frage mich, ob sie ihre Mittel nicht am falschen Ort eingesetzt haben. Ob ihre stille und beinahe schon private Art, Theater zu spielen, nicht einen anderen Text verlangt hätte als den lauten, urvitalen "König Ubu".

 

Zwar, es stimmt, bevor Alfred Jarry den Text für das "Théâtre de l'Oeuvre" niedergeschrieben hatte, existierte Ubu bereits seit zehn Jahren als Marionettenfigur, die der Gymnasiast für die Aufführungen im Estrich der Familie Morin entworfen hatte. Von da her lässt sich ein "Theater mit Puppen, Gegenständen, Materialien und Menschen" durchaus denken, wie es Eva Lenherr und Jürgen Klein vorschwebte. Ihre Art, "König Ubu" zu inszenieren, müsste dann aufgefasst werden als Versuch, der Figur in jenem Moment habhaft zu werden, wo sie gerade erst entsteht, wo das allesverschlingende und ins Unendliche quellende Monstrum noch nicht viel mehr ist als ein Embryo in den Köpfen von ein paar Buben aus Rennes.

 

Doch eben, müsste eine solche Aufführung nicht auch betroffen machen und spüren lassen, dass in der Kasperfigur "alles Groteske dieser Welt" (Jarry) bereits enthalten ist, dass es schon auswachsen und nach allen Richtungen sich geltend machen will? – Und wenn eine Aufführung das nicht herausbringt, müsste man ihr nicht Verharmlosung nachsagen oder zumindest zum Vorwurf machen, sie habe die Möglichkeiten der Vorlage nicht ausgeschöpft?

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]