Minna von Barnhelm. Gotthold Ephraim Lessing.

Lustspiel.

Schloss-Spiele Spiez.

Der Bund, 10. August 1979.

 

 

Eine redliche Aufführung und ein verdienter Erfolg

 

Matthias Claudius, der Wandsbeker Dichter, dem wir "Der Mond ist aufgegangen" und mach anderes verdanken, schrieb 1769 in einem fingierten Brief, wie ein einfaches, unverdorbenes Gemüt Lessings "Minna von Barnhelm" aufnehmen würde: "Reisende Leute, die sich kannten und suchten, und, ohne es zu wissen, in demselben Wirtshaus logierten, fanden sich. Das war ein Lärm, da war Freude, und Leid, und Zank, und wieder Freude, und wieder Zank und Liebe, und Freundschaft und Grossmut, alles durcheinander."

 

Aber der "naive unwissende Jüngling" bleibt beim Äusserlichen nicht stehen. Sondern er spürt, ein paar Zeilen weiter, den Kern des Stückes heraus: "Doch es mochte eine recht gute Art Leute sein. Sie waren freigebig, rechtschaffen, edel, hart gegen sich selbst, wollten mit Gewalt glücklich machen und nicht glücklich gemacht sein –"

 

Was er da miterlebt, erschüttert Fritz bis ins Innerste: "Oh! Ich kann Ihnen nicht recht so sagen, wie das alles war; aber ich will Ihr Fritz nicht sein, wenn mir nicht dreimal bei dem, was diese Leute sagten und taten, die Tränen in die Augen getreten sind. Manchmal ward's mir auch grün und gelb vor den Augen, und ich dachte, es würde tote Leute geben, doch ging alles gottlob noch gut ab." – So war es damals, als die "Minna" zwei Jahre nach ihrer Entstehung in Hamburg aufgeführt wurde, in einer Darbietung, die Lessings eigene Erwartungen übertraf.

 

Und heute?

 

Wir haben bestimmt die Naivität verloren. Mitleben ist nicht mehr möglich, und sei's auch bloss deshalb, weil die Leute, die auftreten, nicht mehr unseresgleichen sind. Sie stecken in Kostümen aus einer fernen Zeit, und sie sprechen eine Sprache, die nicht mehr die unsere ist.

 

So scheint es wenigstens. Doch dann, während der Aufführung der Spiezer Schloss-Spiele, fühle ich mich plötzlich gepackt. Wenn Minna und Tellheim sich nach langer Trennung wiedersehen etwa, und nun, statt einander in die Arme zu eilen, in steifer Distanz stehenbleiben – in diesem Moment, wo die Herzen aufeinander zufliegen und der Kopf sich gleichzeitig dagegen wehrt, steckt ganz elementare Spannung.

 

Solcherart die Lessingsche Vorlage zu spielen, dass Allermenschlichstes sich ausspricht, ist das Verdienst der Spiezer Aufführung. Es zeigt sich dabei, wie wenig dazugetan werden muss, damit dieses geniale Lustspiel wirkt. Und den Spiezer Spielern ist hoch anzurechnen, dass sie das Vertrauen zum Text aufbrachten und nicht versuchten, ihn aufzumöbeln.

 

Und so finde ich, dass man bedenkenlos hätte verzichten können auf die Schattenspiele, auf die Flötenmusik, auf die Haushaltarbeiten, die beim Aktwechsel dargeboten wurden. Das war ja bloss Dekoration. Und dabei macht die Treue, mit der die Spieler am Text waren, solchen Glanzlack überflüssig.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]