Don Gil vo de grüene Hose. Tirso de Molina.

Komödie.                  

Oberländer Kammerbühne im Schlosspark Oberhofen.

Der Bund, 15. August 1979.

 

 

Vom Nutzen der starken Stücke

 

Was für Stücke sollen Liebhaberbühnen spielen? Unbekannte, auch wenn sie von minderer Qualität sind? Oder im Gegenteil grosse Kunstwerke, Stücke der Weltliteratur? Beide Möglichkeiten haben etwas für sich, und bevor die Generalprobe begann, waren wir mit dem Regisseur der Oberländer Kammerbühne daran, das Für und Wider abzuwägen.

 

Bei unbekannten Stücken, gab ein Freund zu bedenken, schielt das Publikum nicht ständig nach den Inszenierungen der Berufstheater. Damit ist es eher in der Lage, die Leistung der Amateure unbefangen zu würdigen. Ich hingegen plädierte für die starken Stücke: Wenn ein Stück Substanz hat, wird es einen derartigen Reichtum an Gefühlen, Einsichten und Eindrücken aufweisen, dass die Aufführung auch dann zum Erfolg wird, wenn sich die Laien darauf beschränken, die Vorlage sauber zu spielen.

 

Und dann gingen die Schweinwerfer an. Gespielt wurde ein ins Berndeutsche übersetztes Stück aus dem 17. Jahrhundert: "Don Gil vo de grüene Hose". Autor: Tirso de Molina, ein Spanier.

 

Was also – ein starkes Stück oder ein schwaches? Als es anfing, war klar: ein konventionelles. Eines, das es zu Dutzenden gab, ein Exemplar der sogenannten Mantel- und Degenkomödie.

 

Und während die Aufführung lief, fand die Ausgangsfrage eine Antwort: Es zeigte sich, wieviel die Schauspieler mitbringen müssten, wenn das Stück sie im Stich lässt. Sie müssten in der Lage sein, alles Leere und Fade zu überspielen (wenn der Regisseur es schon nicht gestrichen hat), das heisst, sie müssten das Talent mitbringen, Gold aus Stroh zu spinnen. Darf man solches von Laien erwarten? Nein.

 

So aber dürfte die diesjährige Inszenierung der Oberländer Kammerbühne jenen vollen Erfolg nicht finden, den das Liebhabertheater im Grunde verdiente. Und dabei wären so viele Voraussetzungen gegeben: Mitwirkende, die sich voll einsetzen, ein zauberhaftes Schloss, das einen Spielort voller Atmosphäre schafft, und ein Diener (Heinz Zürcher), der ganz grosses komisches Talent mitbringt...

 

Starke Stücke, schwache Stücke? Das letzte Wort wird in jedem  Fall das Publikum haben. Aufführungen finden statt am 15., 17., 24., 29., 31. August sowie im September.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]