Urfaust. Johann Wolfgang Goethe.

Schauspiel.

Theater Schönau (Amateurensemble), Thun.

Der Bund, 12. September 1979.

 

 

Als Ganzes beeindruckend

 

Er nannte den "Faust" nicht eine alte Schwarte, wohl aber ein Ragout. Ragout – das ist jenes Gericht, wo die verschiedensten Fleischstücke in einer Sauce schmoren. Und wenn wir bei Goethes Vergleich bleiben wollen, so würden die Szenen in Auerbachs Keller, Fausts Auftrittsmonolog und die Gretchenhandlung den verschiedenen Fleischstücken entsprechen. Die Sauce aber, in der das Ganze schwimmt, wäre Mephisto: "Und wenn der Narr durch alle Szenen läuft, so ist das Stück genug verbunden", sagte Goethe.

 

Beim "Narren", der in der Aufführung des Schönau-Theaters Thun durch den "Urfaust" lief, merkte das Publikum auf. Denn der Gewandtheit von Mephistos Bewegungen zuzuschauen und seiner losen, flinken Zunge zuzuhören, war ein Vergnügen. Walter Seiler brachte ihn als Dandy, geziert, verspielt, affektiert, und er hielt diesen Ton mit sicherem Gespür für Wirkung durch.

 

Es liegt an der Sicherheit seines Auftretens, dass mir Mephisto besser gefiel als Faust. Urs Hauert bemühte sich zwar mit redlichem Einsatz um die Rolle, an der sich's selbst Burgtheatermimen schwer tun. Aber eben, dass man die Mühe merkte, schadete seinem Spiel. Es lag an Kleinigkeiten. Etwa am Umstand, dass er in seinem Eingangsmonolog über alle "unwichtigen" Satzteile derart rasch hinweghuschte, dass man sie kaum verstand; dann holte er kurz Atem und sprach das wichtige Wort mit viel zu viel Nachdruck aus, so dass der Satz auseinanderbrach.

 

Auf die Gefahr hin, in den Ruf der Besserwisserei zu gelangen, will ich eine weitere Kleinigkeit aufgreifen, die sich beheben liesse. Ich meine jene Momente, wo Faust und Gretchen zur pathetischen Gebärde ausholten (zum Beispiel Gretchen in seinem Gebet "Ach neige, du Schmerzensreiche..."). Da wirkten sie nicht mehr echt. "Si hei theateret", sagen wir Berner in solchen Fällen.

 

Und nun sind die Leser wahrscheinlich endgültig verstimmt und die Premierengäste verärgert. Denn bis jetzt ist nicht zum Ausdruck gekommen, wie gut und berückend die Aufführung als Ganzes war. Ich habe nicht von der Wandlung Fausts gesprochen, wie menschlich er am Schluss wirkte in seiner Angst und Qual. Ich habe die zahlreichen Mitspieler nicht erwähnt, die auf verdienstvolle Weise die Haupthandlung stützten. Ich habe bloss auf Kleinigkeiten herumkritisiert. Aber, aufrichtig gesagt, das geschah mit guter Absicht. Wenn das Schönau-Theater nämlich noch die Zeit fände, an solchen Details zu feilen, könnte man von einer rundum gelungenen Darbietung sprechen.

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