Ungarisches Amateurtheater.

Gastspiel im "Zähringer Refugium", Bern.

Der Bund, 26. Juni 1979.

 

 

Internationales Festival Kleiner Bühnen:

Ein phantastischer Wurstzipfel

 

Die Aufführung durch die ungarische Amateurbühne war eine wahre Wohltat. Denn, so schreibt der grosse Shaw, "für einen Berufskritiker ist der Theaterbesuch der Fluch Adams. Das Stück ist das Übel, das er gegen Bezahlung im Schweisse seines Angesichts erdulden muss. Je eher es aus ist, desto besser." Im Zähringer-Theater nun dauerte die Plage für den gelangweilten Berufskritiker knappe zwanzig Minuten. Eine ganz erträgliche Aufführung also.

 

Ja, mehr als das. Die einaktige Groteske, welche die jungen Leute aus Budapest vorführten, war glänzend gespielt und mit Einfallsreichtum in Szene gesetzt. Sie zeigte, dass mit Amateuren nicht unbedingt der Ruch des Unbeholfenen und Gutgemeinten einhergehen muss. Sie bestätigte, dass die Völker des europäischen Ostens eine künstlerische Potenz haben, die noch lange nicht erschöpft ist. Und nicht zuletzt war die Aufführung ein äusserst amüsantes, temporeiches Clownspektakel.

 

Aber eben, der Zipfel der Wurst, den wir kosten durften, reichte nicht aus, um unseren Hunger zu stillen. Zumal es sich bei dieser Probe um eine so schmackhafte Wurst handelte, deren phantastisches Aroma sogar einem verwöhnten Vielfrass (ich meine den Kritiker) den Mund wässrig machte.

 

Und dieser Kritiker mag den Amateurspielern aus Ungarn eine Woche Ferien in Bern von Herzen gönnen, und er wünscht ihnen dazu schönes Wetter. Bloss: beim nächsten Besuch sollten sie es  - wenn sie schon ein Geschenk mitbringen – nicht mit einem Wurstzipfel bewenden lassen...

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]