Libera Scena di Napoli.

Gastspiel im Galerietheater "Die Rampe", Bern.

Der Bund, 25. Juni 1979.

 

 

Internationales Festival Kleiner Bühnen:

Ein Höhepunkt theatralischer Selbstreflexion

 

In einem seiner gehaltvollen Fragmente hat Novalis vor über 150 Jahren formuliert: "Theater ist die tätige Reflexion der Menschen über sich selbst", und was sich darin ausdrückte, scheint bis zu den Stücken Brechts in Geltung gestanden zu sein. Doch seither hat sich im Theater – ja in der Kunst überhaupt – der Brennpunkt verlagert und, wenn man so will, verengt. Die Reflexion vieler ernstzunehmender Theaterleute gilt heute nicht mehr den Menschen und ihren Verhältnissen, sondern zunächst dem Medium selbst. So dass heutiges Theater als die tätige Reflexion des Theaters über sich selbst betrachtet werden muss.

 

Das hat weitreichende Konsequenzen. Es genügt nicht mehr, dass der Zuschauer bereit ist, mitzudenken und mitzufühlen; damit er von der Darbietung überhaupt etwas haben kann, muss er auch vieles an Wissen mitbringen. Sonst wird er nicht verstehen, was da gespielt wird. Denn die Sprache, in der sich dieses Theater ausdrückt, ist das Zitat.

 

Von all den Truppen nun, die am Kleintheater-Festival diese tätige Reflexion über sich selbst betrieben, dürfte die Libera Scena di Napoli am weitesten gekommen sein. Und dies wegen der Intensität, mit der sie das Geschäft der Reflexion betrieb. Sie setzte sich nicht bloss mit Theaterformen der Vergangenheit auseinander, sondern auch mit dem, was sie augenblicklich tat.

 

Während der Kostümpausen wurden nämlich Dias gezeigt, die, auf dem Theater, noch einmal das Theater abbildeten. Da sah man die Dekoration, die vor einem hing, noch einmal, und noch einmal sah man die Bewegungen der Schauspieler, aber jetzt erstarrt zur melodramatischen Pose.

 

Und während diese Bilder hingen, die die nächste Szene resümierend vorwegnahmen, schlug die Bühnenmusik den Bogen zurück in die Vergangenheit, indem sie neben das Selbstzitat im Bild den Klangausschnitt aus Werken der Opernbühne setzte. So hörte man Klänge von Purcell, Bizet, Wagner, Weil, und diese kreisten ihrerseits thematisch um den Inhalt der folgenden Szenen.

 

Auf diese Weise ergab sich ein Netz von Verweisen und Querbezügen, das an Dichte seinesgleichen sucht. Bis in die kleinsten Elemente hinein liessen sich nämlich die Korrespondenzen verfolgen. Und dadurch, dass alle Bewegungen im Blick aufs Ganze erfolgten, fand die einzelne Szene eine Ausgewogenheit, die nicht nur intellektuell, sondern auch ästhetisch überzeugte.

 

So bedeutet die Verengung des Brennpunkts beim Theater unserer Zeit nicht notwendigerweise eine Verminderung der künstlerischen Relevanz. Sondern die Libera Scena di Napoli zeigte, dass selbst aus den Bruchstücken einer vorgefundenen und bereits erstarrten Kultur eine Art theatralischen Lebens erwachsen kann, das vor den strengsten Ansprüchen standhält.

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