Der Sturm. William Shakespeare.

Schauspiel.

Alex Freihart. Städtebundtheater Biel–Solothurn.

Bieler Tagblatt, 19. September 1979.

 

 

Von den Sünden wider den Text

 

Im Programmheft heisst es: "Freie Nachdichtung und Spielfassung von Manfred Vogel". Ich habe sie nicht gelesen und kann deshalb nicht beurteilen, wie viele von den "minimalen Strichen" auf Vogels und wie viele auf Freiharts Rechnung gingen. Doch die Aufführung machte deutlich, wie jeder Strich einen Schnitt in den Organismus des Stücks selbst bedeutet. Dass in der Inszenierung des Städtebundtheaters ganze Dimensionen verlorengingen und zahlreiche Möglichkeiten nicht ausgeschöpft wurden, geht also vielleicht zu Lasten der verstümmelten Vorlage.

 

Gleich zu Beginn wird der Zuschauer Zeuge einer Szene, die nicht stimmt: Das Schiff, das in höchster Seenot dahertreibt, bricht im Sturm auseinander, und die Besatzung wird ein Raub der Fluten. Auf diese Weise lässt Regisseur Alex Freihart den "1. Aufzug, 1. Szene" von Shakespeares "Sturm" abspielen.

 

In Wirklichkeit – oder sagen wir lieber: im Text – hat sich der Sturm aber anders zugetragen. Ariel, der Luftgeist, hat das Gefährt bloss so lange geschüttelt, bis die Passagiere in Panik gerieten und über Bord sprangen. Das Schiff aber blieb unversehrt.

 

Mit einer Unstimmigkeit hört die Aufführung des Städtebundtheaters auch auf. Prospero, vernimmt man, könne nicht mehr zaubern. Doch warum geht das mit einem Mal nicht mehr? Bei Shakespeare kann man's nachlesen: "Dieses grause Zaubern schwör ich hier ab; und hab ich erst, wie jetzt ich's tue, himmlische Musik gefordert, (...) so brech ich meinen Stab, begrab ihn manche Klafter in der Erde, und tiefer, als ein Senkblei je geforscht, will ich mein Buch ertränken." In der Aufführung des Städtebundtheaters sucht man nach dieser Erklärung vergebens.

 

Was aber ist von einer Inszenierung zu halten, die so nachlässig mit dem Text umgeht? Die Antwort gibt die Aufführung selbst: wenig. Gerade, weil Freihart sich vom Text nicht führen liess, hat ihn der Text im Stich gelassen. Oder anders gesagt: Weil Freihart den Text nicht mit Sorgfalt las, ist ihm zum Text auch nichts eingefallen.

 

In den Szenen mit Prospero bleiben die Schauspieler hübsch gruppiert an ihrem Fleck stehen und deklamieren feierlich-gemessen ihren Part. Daneben aber liegen sämtliche Möglichkeiten des Mimischen brach, und die Schlichtheit, die Freihart möglicherweise anstreben wollte, flacht ab zu blosser Monotonie.

 

Einzig beim Trio Caliban, Trinculo, Stephano benutzt Freihart die Möglichkeit, Abwechslung zu schaffen, indem er die drei Figuren in ungeordneter Improvisation auf der Bühne herumtollen lässt. Was diese Bewegungen veranlasst und wozu sie dienen, bleibt jedoch unklar. Sie deuten den Text – und das wäre das Kriterium für eine sinnvolle Regie – nicht aus, sondern erschweren im Gegenteil die Konzentration aufs Gesprochene. – So aber bleibt die Aufführung armselig. Sie kennt bloss zwei Möglichkeiten, zwischen denen sie abwechseln kann: opernhafte Unbeweglichkeit und leere Betriebsamkeit.

 

Und dabei wäre der Text voll von Geschichten, die bloss darauf warten, dass man sie erzählt, das heisst: zutage fördert. Da zieht sich eine Liebesgeschichte durchs Stück, die anfängt mit einem Blick (Prospero: "Beim ersten Anblick tauschten sie die Augen") und aufhört mit ehelicher Verbundenheit (Gonzalo: "Schaut herab, ihr Götter, senkt eine Siegeskron auf dieses Paar!"). Es gibt die Geschichte, wie ein vertriebener Fürst auf einer kleinen, abgelegenen Insel die Welt, die aus den Fugen geraten ist, wieder in Ordnung bringt: "Wir fanden all uns selbst, da niemand sein war".

 

Aber das Stück spinnt nicht bloss die Träume des Menschen nach Frieden und Glück. Es berichtet auch von Umsturz und Gewalt. Revolution von unten: das ist der Aufstand der Kammerdiener, Trunkenbolde und Rohlinge, ausgeheckt von beschränkten, weinseligen Köpfen: "s ist bei ihm Sitte, des Nachmittags zu ruhn. Du kannst ihn würgen, hast du erst seine Bücher: mit 'nem Klotz den Schädel ihm zerschlagen oder ihn mit einem Pfahl ausweiden oder auch mit deinem Messer ihm die Kehl abschneiden."

 

Und es gibt den Putsch von oben, wo der Prinz seinen Bruder, den König, umbringen will aus Neid und Machtgier. Das alles, Glück und Macht, Liebe und Mord, sind berühmte Shakespeare-Themen. Aber im "Sturm", diesem reifen, späten Werk, deutet sie der grosse Engländer bloss noch an.

 

Es wäre Sache der Theaterleute, diese Fäden zu verfolgen und die inneren Vorgänge szenisch auszugestalten. Dass dies nicht geschieht, ist folgenreich. Nun nämlich fehlt den Schauspielern jede Möglichkeit, ihre Rollen zu entwickeln. Sie bleiben auf starre Typen reduziert, wo Shakespeare sie im Lauf der Handlung alle verwandelt.

 

Das fängt an mit Prospero (Wilfried Jan Heyn), der lernt, der Rache und Magie abzuschwören. Das führt zu Miranda (Eleonore Bürcher), die nach langer Einsamkeit einen jungen Mann kennenlernt und nun unversehens zur liebenden Frau aufblüht. Und es führt zu Ferdinand, diesem verwöhnten Königssohn (Rolf Schwab), der für ein überirdisch reines Mädchen Mühe und Arbeit auf sich nehmen lernt: "Schönes Wunder, seid Ihr ein Mädchen oder nicht?" Und es müsste enden bei einem König (Alf Beinell), der einsehen lernt, dass er Fehlbares begangen hat: "Dein Herzogtum geb ich zurück und bitte, vergib mein Unrecht mir."

 

Wie gesagt, diese Entwicklungslinien hat die Aufführung nicht gezogen. Und so blieb sie auch im Äusserlichen stecken, als es darum ging, das Personal während seines Aufenthaltes auf der Bühne zu beschäftigen. Zu Trinculo (Beat Albrecht) war der Regie nicht mehr eingefallen, als ihn geckenhaft herumstolzieren und sich mit einem Taschentuch putzen zu lassen. Stephano (Hans Schatzmann) war einfach ein Säufer.

 

Und Caliban? Auch er war reduziert auf einen Typ, obwohl selbst dieses Monstrum in einer dumpfen Weise zur Einsicht kommt: "Ich will künftig klüger sein und Gnade suchen: welch dreifacher Esel war ich, den Säufer für 'nen Gott zu halten." Aber Paul Bühlmann hat gezeigt, wie ein starker, routinierter Schauspieler selbst einen engen Rahmen mit überbordender Vitalität ausfüllen kann. Ich hätte mir gewünscht, solches von allen Darstellern melden zu können.

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