Das Stück mit dem Hammer. Harald Sommer.

Schauspiel.

"Das Studio am Montag" im Theater am Zytglogge, Bern.

Der Bund, 22. Oktober 1979.

 

 

Spannende Hoffnungslosigkeit

 

Jede Utopie, so glaube ich wenigstens, hat etwas Unwahrscheinliches, etwas Gesuchtes, das man zunächst einmal fraglos hinzunehmen hat. Im "Stück mit dem Hammer" von Harald Sommer ist das – eine beliebte Utopien-Voraussetzung – die Allgewalt des Systems, das die Untertanen in jedem Moment ihres Lebens unter Kontrolle hält. Ob es überhaupt so etwas geben kann, und wie die totale Überwachung entstehen könnte, will keine Utopie beantworten. Die Frage, die sie stellt, lautet: Was wäre das für ein Leben, wenn wir einmal so weit wären?

 

Harald Sommers Antwort ist bedeutsam: Natürlich wäre das "System" anders, perfekter, unverletzlicher und hoffnungsloser, aber die Menschen blieben gleich; verletzlich, mit Stärken und Schwächen behaftet, voller Hoffnung. Diese Aussage sichert dem "Stück mit dem Hammer" das Interesse des Publikums.

 

Spannung entsteht schon dadurch, dass man wissen möchte, wer denn da im mauven Overall auf der Bühne liegt, in dieser rätselhaften Plastikzelle. Und weil das Programmheft jede derartige Information verschweigt, ist man gezwungen, auf den Dialog achtzugeben und aus dem Gesagten zu rekonstruieren, mit wem man es zu tun hat. Der kleinste Hinweis ist da ergiebig: Etwa die Frage: "Was macht Ihr Stück?", durch die man erfährt, dass der eine ein Schauspiel entwirft, und zwar eine Art Schillerschen "Don Carlos". Ein Stück also, das sich um die Gedankenfreiheit dreht, ausgerechnet in einem System, das diese abgeschafft hat.

 

Es ist überhaupt interessant, den beiden Menschen zuzuhören, dem Intellektuellen und dem Pragmatiker. Und das nicht bloss, weil sie versuchen, dem System auf die Spur zu kommen und es zu sprengen, sondern auch, weil sie eine Art von Unverzagtheit ausstrahlen, die rührend wirkt, namentlich am Schluss, wenn sich zeigt, dass sie nicht Recht kriegen werden, weil die geplante Revolution aufgeflogen ist.

 

Das Mitleid und die Beteiligung, die der Zuschauer für die beiden Wesen auf der Bühne aufbringt, sind natürlich das Verdienst der Schauspieler Rudolf Bobber und Hans Joachim Reineke. Beide sind so vollkommen mit ihrer Rolle verwachsen, dass während der ganzen Aufführung kein falscher Ton zu hören ist. Und mehr als das: Sie geben den beiden Stimmen, die Harald Sommer aufgeschrieben hat, einen Körper, einen Charakter, Eigenarten, kurz: sie machen aus Fetzen Menschen.

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